18.1.2005 "Ich lebe im falschen Körper" Über Transsexuelle
Von Barbara Rosenberg
Etwa 6.000 medizinisch betreute Transsexuelle gibt es in Deutschland.
Die Zahl derer, die sich keiner Therapie unterziehen, wird zwei- bis
dreimal so hoch geschätzt. Transgender: geschlechtswechselnde Menschen
bringen ihre Geschlechtsidentität nicht mit ihrem biologischen
Geschlecht zusammen. Das Gefühl, im falschen Körper zu leben,
wird von der WHO als Krankheit anerkannt.
Geschlechtsanpassende Operationen und Hormontherapien werden unter
bestimmten Voraussetzungen von den Krankenkassen bezahlt. Das Transsexuellengesetz
von 1980 fordert für die "kleine Lösung", die Vornamensänderung,
zwei psychiatrische Gutachten, welche die Transsexualität bestätigen.
Man muss mindestens 25 Jahre alt sein und sich seit drei Jahren "dem
anderen Geschlecht als zugehörig" empfinden.
Für die "große Lösung", die Personenstandsänderung,
muss man ledig und dauerhaft fortpflanzungsunfähig sein. Außerdem
muss man sich einem geschlechtsumwandelnden Eingriff unterzogen haben.
Vor der Einnahme der gegengeschlechtlichen Hormone soll der sogenannte
"Alltagstest" absolviert werden: die Person soll ein Jahr
lang offen im anderen Geschlecht leben. Vor dem Eingriff soll man anderthalb
Jahre lang Psychotherapie machen.
Lea Strache: Mit elf Jahren hab ich gemerkt, dass irgendwas anders
ist, und habe das erste Mal dann von meiner Mutter heimlich die Sachen
angezogen. Es war einfach schön, die Kleider anzuziehen, und ich
fühlte mich wohl - genau bis zu dem Zeitpunkt, wo ich sie wieder
ausziehn musste. Aber ich wußte ja, was ich bin: ich war ein Junge
und kein Mädchen. Insofern war das eine Sache, wo man sich verstecken
musste und sich versteckt hat.
Heute versteckt sich Lea Strache nicht mehr. Die 37-jährige Technikerin
lebt ganz offen als Frau zusammen mit ihrer Tochter und ihrer Ehefrau.
Jahrelang bedient sie sich heimlich in deren Kleiderschrank. Irgendwann
reicht ihr das nicht mehr. An Halloween vor drei Jahren gehen Vater,
Mutter und Tochter als Hexen auf ein Fest. Als sie nach reichlich Alkoholgenuss
wieder zu Hause sind, zieht Lea sich noch einmal um - diesmal als richtige
Frau - und zeigt sich so ihrer Gattin.
Die erste Frage, die kam, (lacht) ob ich auf'n Strich gehe. Also, es
muss schon gruselig ausgesehen haben. Für sie war's eine Welt,
die sie nicht kannte, die ich auch nicht kannte. Es war in dem Augenblick
einfach nur Leere da. Leere, unendliche Leere. Ich kann mich also an
die Situation noch so super erinnern. (seufzt) Sie saß auf Toilette.
Ich stand im Flur, versuchte, mich wieder zu entkleiden, irgendwie eine
normale Haltung hinzubekommen, und ja nur der Spruch: Warum passiert
mir das? Das werd ich nie vergessen.
Das Wort, welches Lea am häufigsten sagt, ist "sozial verträglich":
ihre Transformation passt sie dem an, was ihre Umwelt vertragen kann
- vor allem die 12-jährige Tochter. Lea versucht, ihr das anhand
von Plüschtieren zu erklären.
Es war sicherlich zu Anfang schwierig. Meine Tochter hat das auch nich
akzeptieren können und wollen. Sie hat immer gesagt: Papa, was
hast Du denn schon wieder an? Das sind doch Frauensachen! Da hab ich
gesagt: Papa is 'ne Frau, und Papa zieht das jetzt an!
Im Jahr 2002 beginnt Lea Strache mit der Hormontherapie und läßt
zwei Jahre später ihren Vornamen ändern - im Personalausweis
und in der Geburtsurkunde. An ihrem Arbeitsplatz wird sie als Frau voll
anerkannt. Doch das "M" in ihrem Pass ärgert sie. Am
liebsten wäre ihr, das Geschlecht würde dort - wie im Personalausweis
- nicht angegeben. Für die Personenstandsänderung müsste
Lea sich scheiden lassen. Das kommt nicht in Frage. Aber sie will operiert
werden - auch wenn ihre Ehefrau immer noch hofft, dass Leas Zustand
heilbar ist.
Ich wollte keine Frau mit'm Schwanz sein. Und ich bin auch kein Mann
mit Busen. Das hat mit Bürgerlichkeit gar nicht mal was zu tun:
es is für mich eine Eindeutigkeit meines Lebens, meines Lebensgefühls.
Ich will einfach überall und immer das sein, was ich jetzt bin.
Und das is halt nich irgendwas Zwischengeschlechtliches, sondern ich
möchte einfach eindeutig auch als Frau anerkannt und gesehen werden.
Carlo Sauerbrei: Ich hab für mich sehr schnell festgestellt: Ich
habe kein Problem mit meiner Umwelt. Ich konnte schon immer machen,
was ich will. Da war so 'n Spruch, den vielleicht nur die ehemaligen
DDR Bürger gleich verstehn. Ich bin mit Valentina Tereschkowa groß
geworden. Das hieß für mich: Valentina Tereschkowa ist die
erste Kosmonautin im Weltall gewesen. Für mich hieß das:
Wenn Frauen in den Weltall fliegen können, denn können Frauen
alles! Und als Kind hab ick immer noch gedacht, dann wächst mir
auch irgendwann mal der Penis. Und das hat ja nu nicht geklappt. Aber
das war so diese Grundeinstellung.
Schwarzes Borstenhaar und weißes Hemd mit Krawatte, schwarze
Hose und helles Jackett - Carlo Sauerbrei ist 43 Jahre alt, hat drei
Kinder geboren und ist seit 18 Jahren verheiratet. Auch er denkt nicht
an Scheidung. Angefangen hat er als Crossdresser oder Transvestit. Bei
einem schwul-lesbischen Gewerkschaftsseminar tritt er das erste Mal
als Carlo auf.
Und abends hieß es dann irgendwann: Ach, ist ja schön, dass
die Frauen endlich im Bett sind. Ich saß aber mit am Tisch. Und
da hab ich dann gedacht: Himmelherrgott, so gut haste Dich lange nich
gefühlt - völlig KO durch die Leitung des Seminars zwar, aber
richtig zufrieden, glücklich. Und da hab ich gedacht: Na ja, wenn
das 'n Wochenende lang geht, warum soll das nicht im Alltag auch so
gehen?
Carlo Sauerbrei war "im ersten Leben" eine magersüchtige,
suizidgefährdete Ärztin. Heute arbeitet er in einer Berliner
Behörde. Es ist kein Problem, dort intern den Vornamen ändern
zu lassen. Am 9. Januar 2002 beginnt er mit der Hormonbehandlung: eine
Testosteronspritze alle drei Wochen. Das ist für ihn wie eine "zweite
Geburt". Der Bart wächst. Carlo wird viel ruhiger, sein Kreuz
breiter und die Stimme tiefer. Er läßt die Brustwarzen verkürzen
und das Brustfett absaugen. Dann werden Eierstöcke und Gebärmutter
entfernt - aus medizinischen Gründen, zur Krebsvorsorge. "Da
war das Leben plötzlich richtig schön", sagt er strahlend.
Einen Penisaufbau will er nicht machen lassen. Die Operationsergebnisse
seien nicht sehr gut. "Er fehlt natürlich mächtig",
sagt Carlo. Aber auch ohne Penis hat er Vorteile: während Transfrauen
oft sozial deklassiert werden, weil sie in das diskriminierte Geschlecht
gehen, passiert das Transmännern kaum.
Transmänner fallen auch weniger auf. Wir werden als Männer
wahrgenommen - sowohl von 'ner Stimme als auch vom Aussehen her. Von
'ner Figur her sind wir genauso sportlich, unsportlich, rund oder dünn,
wie alle andern Männer auch. Und von daher werden wir als Männer
akzeptiert. Männer ham es einfacher im Leben. Ich bin ja wirklich
im gleichen Beruf geblieben, und von daher merk ick eben jetzt: da wo
ich früher ewig lange reden musste, um wat zu erreichen, ick brauch
viel weniger zu sagen. Am Anfang war ick immer sehr verblüfft,
dass ich mit dem, wat ich sagen wollte, zu Ende war, und mir immer noch
nicht ins Wort gefallen wird. Mir wird auch nicht ins Wort gefallen.
Als Frau ist das sehr schnell passiert. Kaum zwei Sätze gesagt,
da fiel mir schon irgendjemand ins Wort. Ich bin ebend jetzt der Mann.
Mir fällt man nicht mehr so schnell ins Wort.
Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Frau zu werden?
Auf die Idee kam, glaub ich, Gott also oder das Universum. Ick nich!
Ich hab's mir nich ausgesucht. Es is so gewesen, und es is 'ne Laune
der Natur. Das is die Vielfalt, würd ick sagen, die Gott möchte,
und die Gott auch wahrscheinlich will, ja.
Nadja Nikitina ist 35 Jahre alt. Im Jahr 2000 legt sie vor der geschlechtsumwandelnden
Operation alles "in Gottes Hand". Ungeschminkt mit rosa Top,
dunkler Strickjacke und beigen Hosen, mit strubbeligen blond gefärbten
Haaren: "Einen Bart hab ich nie gehabt", sagt die ehemalige
Köchin aus der DDR. Schon als Kind fühlt sie sich anders.
Mit sechs Jahren wird sie für ein Jahr in die Psychiatrie zwangseingewiesen,
mit Medikamenten vollgestopft, geschlagen und sexuell missbraucht. Mit
18 hat Nadja ihr Coming out als Transsexuelle und beginnt 1989 noch
in der DDR mit der Hormontherapie: die Brust fängt an zu wachsen.
Und dit war schon geil gewesen. Es war toll. Also, es war 'n irret
Gefühl. Also, es hat alles innen gekribbelt und gejuckt. Det war
damals noch so wie so 'n Depot gewesen. Also, es gab monatlich 'ne Spritze,
und immer wenn's abgeflaut is, hat man sich unwohl gefühlt. Und
wenn man die Spritze gekriegt hat, also, dit war so
gingen die
Gefühle rauf und runter. Also, da war ich dann schon etwas über
rollig dann gewesen.
Die Ochsentour der Gutachten findet sie "grausam": vor "parteiischen
Heterosexuellen" beweisen zu müssen, dass man sich nur im
andern Geschlecht wohl fühlt. 10 Jahre lang lebt Nadja Nikitina
ohne die Operation: "Ich brauchte die Zeit zum Reifen", sagt
sie. Dabei hilft ihr auch die Psychotherapie. 1994 lässt sie die
Hoden entfernen und dann den Penis - "das Vieh" wie sie ihn
nennt.
Also, ick hab keinen Kontakt mehr dazu gehabt. Ich hab's abgelehnt.
Also, es war da, aber mehr auch nicht. Der Schwanz war da, aber wozu
wußt ich nich, zum Pinkeln, aber dat war's dann. Also, Sexualität
konnt ich nich leben damit. Ich hab immer Zustände gekriegt. Also,
wenn das Ding schon steif geworden is. Also, ich bin da verrückt
geworden. Ick hätt kotzen könn. Oder wenn ich Sex hatte, und
dann war det so widerlich. Ich hab's auch immer den Abstandshalter genannt.
Nadja, die lesbische Frauen liebt, ist total zufrieden mit der Operation,
obwohl sie danach einen Abszess und Blutungen im Bauchraum bekam. Erst
jetzt habe sie eine "erfüllte und glückliche Sexualität".
Trotzdem bezeichnet sie sich als "Skeptikerin der Operation"
und rät jedem ab, diese zu schnell machen zu lassen. Chirurgen
sollten getestet werden. Sie bemängelt auch, dass es keine Studien
gibt darüber, wie Menschen nach der Operation leben und wie es
mit ihrer Sexualität aussieht.
Das Transsexuellengesetz sieht ein "Offenbarungsverbot" vor:
der alte Vorname darf nicht mehr erwähnt werden. Das sollte künftig
eine Straftat sein, um Transsexuelle besser zu schützen. Die Personenstandsänderung
sollte man auch ohne Operation durchführen können, und als
drittes Geschlecht sollte "Androgyn" eingeführt werden.
Unter den heutigen Bedingungen will Nadja ihr Geschlecht im Pass nicht
ändern lassen.
Das macht nich aus mir 'ne Frau. Ich bin innerlich 'ne Frau. Ich bin
'ne androgyne Frau. Ich bin 'ne Transfrau. Und hab mich komischerweise
zu Intersexuellen immer hingezogen gefühlt. Also, ich seh ja mich
als geistigen Zwitter.