FRANKFURT, im Januar.
Wenn Ernst Bilke über seine Kindheit spricht, dann
benutzt er Wörter wie "Einsamkeit" und "Ohnmacht".
Wenn der
Vierundvierzigjährige über seine Schulzeit spricht, redet er
von
Ausgrenzung. Und über sein Erwachsenenleben sagt er: "Der Gedanke
an
Selbstmord war lange präsent wie der Gedanke an einen Notausgang."
Dabei
weiß er, daß er noch Glück im Unglück hatte. Daß
alles viel schlimmer hätte
kommen können. Deswegen hat er sich entschlossen, seine Geschichte
zu
erzählen: "Ich hoffe, daß ich den einen oder anderen noch
retten kann, daß
sich die Leute bei mir melden, wenn sie merken, daß sie nicht allein
mit
ihrem Schicksal sind."
Ernst Bilkes Geschichte beginnt im Juni 1958. Was genau die Ärzte
seinen
Eltern nach seiner Geburt gesagt haben, weiß er nicht, denn seine
Eltern
haben nie mit ihm darüber gesprochen und sind inzwischen gestorben.
Aber daß
es etwas in der Art gewesen sein muß wie: "Eigentlich ist es
ein Mädchen,
aber wir machen besser einen Jungen daraus", steht für ihn fest.
Ernst Bilke
war, wie etwa eines von 2000 Kindern in Deutschland, mit einem nicht
eindeutig bestimmbaren Geschlecht geboren worden - als Intersexueller
oder,
wie der Volksmund sagt, Zwitter. "Mein Penis war verbogen, weil sich
in ihm
eine Spalte befand", beschreibt er den medizinischen Befund, eine
sogenannte
Hypospadie. Damit ist weder zielgerichtetes Urinieren noch, in späteren
Jahren, Geschlechtsverkehr möglich, und die Ärzte empfahlen
den Eltern:
operieren. In Deutschland allerdings war man damals nicht in der Lage,
in
einem solchen Fall einen funktionsfähigen Penis aufzubauen.
Deswegen sollte Ernst zum Mädchen gemacht werden. Nur weil sein Vater,
ein
Oberregierungsrat, sich unbedingt einen Jungen wünschte, erkundigte
sich die
Familie. Sie fand einen Chirurgen in Basel, der Ernst zwischen seinem
dritten und zwölften Lebensjahr in insgesamt sechs Operationen zum
"voll
funktionsfähigen" Mann aufbaute. Eine Entscheidung, die nicht
mehr
rückgängig zu machen ist. War sie richtig? "Ich entscheide
mich nicht für
ein Geschlecht. Ich bin eine dritte Kategorie, nur mein soziales Geschlecht
ist männlich." Und dann, viel später: "Als Frau wäre
ich wahrscheinlich
glücklicher geworden. Meine Psyche hat sich unabhängig von meinem
Körper
entwickelt."
Einige Intersexuelle haben sich mit ähnlichen Aussagen an die Öffentlichkeit
gewagt und damit Aufsehen erregt. Einer der ersten in Deutschland war
Michel
Reiter, der Vorsitzende der Arbeitsgruppe gegen Gewalt in der Pädiatrie
und
Gynäkologie (AGGPG). Während die meisten Betroffenen die gängige
Praxis
nicht in Frage stellen, als Zwitter geborene Kinder operativ einem der
beiden Geschlechter eindeutig zuzuordnen, fordert Reiter, damit Schluß
zu
machen: "Gehen Sie nicht davon aus, die einmal getroffene
Geschlechtszuordnung, gleich welche, würde für immer Bestand
haben. Gehen
Sie ferner nicht davon aus, Genitalien, die optisch maskulinisiert oder
feminisiert werden, sähen dann auch entsprechend aus, wären
nerval intakt
oder entsprächen dem Wunsch des Kindes."
Auf Zustimmung stößt diese Ansicht bei der Münchner Kinderendokrinologin
Ursula Kuhnle-Krahl. Sie hält es für falsch, intersexuelle Kinder
vor Beginn
der Pubertät zu operieren: "Man sollte bei der Geburt nur eine
juristische
und soziale Geschlechterzuordnung vornehmen, denn wir wissen bis heute
nicht, wie man die Geschlechtsidentität bei Kindern feststellt."
Hinzu
komme, daß es aus medizinischer Sicht nur in ganz wenigen Fällen
notwendig
sei zu operieren - die meisten Intersexuellen hätten keinerlei Beschwerden.
Aus Michel wird Birgit
Doch steht Kuhnle-Krahl mit dieser Ansicht ziemlich alleine da. Fast alle
in
der Sache bewanderten Kinderärzte, Chirurgen und Endokrinologen sprechen
sich dafür aus, intersexuelle Kleinkinder noch vor ihrem zweiten
Geburtstag
zu operieren. "Die Gesellschaft ist noch nicht so weit, daß
man ein Kind als
,es' belassen sollte", sagt Hans Peter Schwarz, Leiter der Endokrinologie
der Universitätskinderklinik in München. "Das würde
nur bedeuten, daß man
das Problem auf das Kind abschiebt; daß man das Kind allein läßt.
Spätestens
im Kindergarten wäre es doch eine Ausnahmeerscheinung." Und
Wolfgang
Sippell, Leiter der Endokrinologie der Universitätskinderklinik in
Kiel,
sagt: "Beileibe nicht alle Fälle von Intersexualität sind
operationsbedürftig. Aber wenn zu erwarten ist, daß später
eine normale Vita
sexualis nicht möglich sein wird, ist es Aufgabe der Ärzte zu
korrigieren,
und zwar möglichst früh." Meist sei die Zuordnung zu einem
der beiden
Geschlechter auch richtig: Die Untersuchung von Zellkern und Chromosomen,
die Beurteilung der äußeren Genitalien, die Feststellung, ob
Eierstöcke oder
Hoden vorhanden sind, die Vorhersage der hormonellen Entwicklung - all
das
helfe bei der Entscheidung. Und die Fälle, in denen die Ärzte
sich trotz
allem getäuscht haben?
Michel Reiter wurde vor 36 Jahren als Junge geboren, sah aber nur bedingt
wie ein Junge aus. Weil sein Chromosomensatz eindeutig weiblich war, wurde
er noch vor seinem ersten Geburtstag operativ zu "Birgit" gemacht.
Nach mehr
als 200 gynäkologischen Untersuchungen und unendlichem Leid entschloß
er
sich im Alter von 30 Jahren, wieder seinen ursprünglichen Vornamen
anzunehmen: Michel.
Ernst Bilke wurde zum Jungen gemacht, verglich sich aber eher mit Mädchen
und fühlte sich stets anders, ohne zu wissen, warum. In der Grundschule
spielte er lieber mit Mädchen als mit Jungen und wurde deswegen von
seinen
Mitschülern verprügelt. In der weiterführenden Schule verbot
er sich den
Umgang mit Mädchen und wurde zum Einzelgänger. Im Modelleisenbahnclub
interessierte er sich nicht für Technik und Weichen, sondern für
Landschaften und Häuser, und am liebsten bereitete er bei Treffen
mit den
Frauen der meist schon erwachsenen Modelleisenbahner Salate zu, so daß
ihn
seine Mutter schließlich wieder abmeldete: "Wenn du da nur
Salate machst,
ist das verlorene Zeit."
Nach ihrem Tod hinterließ sie ihm einen dicken Ordner mit
Gesprächsprotokollen, Arztrechnungen, seiner ganzen Geschichte. Doch
zu
Lebzeiten hatte sie jeden Versuch abgewiesen zu ergründen, warum
er, der
Schlanke, Schwache, Hagere, "anders als andere Jungen" war.
"Darüber darfst
du nicht einmal nachdenken, sonst wirst du verrückt!" Einmal,
als er zwölf
Jahre alt war, sagte sie, vor seiner Modelleisenbahn stehend: "Ernst,
wenn
ein Zug über deine Weiche fährt und die ist nicht richtig gestellt,
dann
entgleist der. Dann muß der Zug wieder zurück auf die Weiche
gesetzt werden
und weiterfahren, und zwar in eine der beiden Richtungen."
Doch daß er "entgleist" war, und zwar schon im Mutterleib,
sagte ihm
niemand. So beobachtete er fasziniert, wie ihm mit dreizehn plötzlich
Brüste
wuchsen. Die Mutter ging mit ihm zum Arzt, doch der, notierte sie, "will
keine Brüste erkennen". Also empfahl die Mutter Ernst, weniger
Schokolade zu
essen. Ernst hatte wieder einmal das Gefühl, allein zu sein, belogen
zu
werden. Und doch gefielen ihm seine Brüste, weil durch sie die Mischung
aus
Mann und Frau in ihm sichtbar wurde. Jedoch verschwanden sie nach einiger
Zeit wieder: "Leider, weil meine Testosteronwerte irgendwann doch
noch
stiegen." Wie reagiert man als Jugendlicher, wenn man fühlt,
daß man anders
ist? Wenn man auf dem Operationstisch liegt, obwohl man sich körperlich
unversehrt fühlt? "Geblieben ist das Gefühl, das ich vor
den Operationen
hatte, weil nie jemand kam, um mich da rauszuholen. Die Ohnmacht, die
Einsamkeit, die Todesangst und das Gefühl der Folter, die Erinnerung
an den
Schmerz danach, die Narben, Krusten."
Nach Meinung des Endokrinologen Hans Peter Schwarz rechtfertigen es auch
solche Schicksale nicht, einen Eingriff zu unterlassen. Aber: "Wenn
Eltern
nicht wollen, daß ihr Kind operiert wird, würde ich mich dem
beugen." Das
müßte er auch, denn immer noch haben die Eltern diese Entscheidung
zu
treffen, solange das Kind minderjährig ist. Genau das aber sei das
Problem,
meint der Berliner Psychologe und Therapeut Knut Werner-Rosen, der sich
auf
die Betreuung intersexueller Kinder und ihrer Eltern spezialisiert hat.
"Man
muß annehmen, daß Eltern nach der Geburt eines Kindes mit
Intersexualität
nicht in der Lage sind, zum Wohl des Kindes zu entscheiden, weil sie
traumatisiert sind." Viele sprächen von einer existentiellen
Krise. Zu ihm
seien schon Eltern gekommen, die gesagt hätten: "Ich hätte
lieber ein Kind
mit Aids als ein intersexuelles Kind. Dann wüßte ich wenigstens,
woran ich
wäre." In ihrer Hilflosigkeit redeten viele Eltern entweder
gar nicht mit
ihren Kindern, oder aber sie übernähmen die Positionen der Ärzte
unkritisch.
Es sei deshalb unbedingt notwendig, zunächst einmal die Eltern psychologisch
zu betreuen, am besten schon am Bett des Neugeborenen. "Und dann
erst, wenn
die Eltern ihre seelische Stabilität wiedergewonnen haben, sollten
sie
überlegen, was sie tun wollen."
Niemals nackt
Die Schmitts haben sich als eine der wenigen Familien in Deutschland den
Vorschlägen der Ärzte widersetzt. Ihr fünfjähriger
Sohn sollte zum Mädchen
gemacht werden, weil er eine Gebärmutter hat und zwei verkümmerte
Eileiter,
dazu noch einen verkümmerten rechten Hoden, einen leeren linken Hodensack
und einen winzigen Penis, der nach innen gebogen ist. "Gemischte
Gonadendysgenesie" heißt der Befund, einer von vielen verschiedenen
Befunden, die unter dem Begriff Intersexualität zusammengefaßt
werden. Die
Eltern entschieden sich gegen eine Operation - nach langem Ringen. "Das
Kind
sah genauso aus wie sein älterer Bruder und gar nicht so wie seine
ältere
Schwester", sagt Petra Schmitt, "das konnten wir doch nicht
ignorieren." Nun
soll der Junge irgendwann selbst entscheiden, ob er sich operieren läßt.
Und
bis dahin schweigen. Er geht nicht in den Kindergarten und zeigt sich
niemals nackt, auch nicht im Sommer, beim Baden. "Die anderen Eltern
würden
ihren Kindern doch den Umgang mit ihm verbieten", glaubt seine Mutter.
Menschen wie Michel Reiter und Knut Werner-Rosen kämpfen dafür,
daß sich das
möglichst bald ändert. Sie wollen dafür sorgen, daß
intersexuelle Kinder ein
gesundes Selbstbewußtsein entwickeln. Dann könnten sie dem
Befremden der
Umwelt gelassen begegnen und in aller Ruhe abwarten, bis sie selbst spüren,
welchem Geschlecht sie sich eher zugehörig fühlen. Oder aber
alles so
belassen, wie es ist. Bis zum Zeitpunkt einer Operation, so fordert Michel
Reiter, müßte im Personalausweis als Geschlecht der Eintrag
"hermaphroditisch" erlaubt sein.
Mit dieser Forderung steht Reiter nicht allein. In vielen Ländern
haben sich
Gruppen von Intersexuellen zusammengefunden, die fordern, die Frage nach
dem
Geschlecht nicht mehr zu stellen. Vor dem Landgericht München läuft
zur Zeit
ein Verfahren, in dem zum ersten Mal auf der Welt Richter darüber
entscheiden sollen, ob die Spezies Mensch nur aus Männern und Frauen
besteht
oder ob nicht vielmehr ein drittes Geschlecht eingeführt werden muß.
Sollte
diese Frage von den Richtern bejaht werden, sieht sich Antragsteller Michel
Reiter seinem Fernziel, die Frage nach dem Geschlecht eines Menschen
irgendwann ersatzlos zu streichen, ein Stück näher gekommen.
Keine Lust mehr
"Der Hermaphrodit ist ein positives Wesen, weil er beidgeschlechtlich
ist",
begründet er seine Forderung. Und Ernst Bilke meint: "Gott hat
schließlich
Mann und Frau nach seinem Bilde geschaffen und muß daher beides
sein." Noch
bis 1830 hätten Zwitter in Deutschland bis zu ihrem achtzehnten Geburtstag
selbst bestimmen können, als welches soziale Geschlecht sie leben
wollten.
So sei es im Preußischen Allgemeinen Landrecht verankert gewesen.
Pathologisiert und zu Patienten gemacht wurden die Betroffenen erst in
jüngerer Zeit. Haben Reiter und Bilke recht? Weil Intersexualität
in der
westlichen Welt niemals über die Pubertät hinaus zugelassen
wird, gibt es
keine erwachsenen unoperierten Zwitter, die man fragen könnte, wie
sie sich
fühlen. Immerhin geht jedoch aus der 1952 angefertigten Doktorarbeit
des
amerikanischen Sexualwissenschaftlers John Money hervor, daß unbehandelte
Intersexuelle damals keine existentiellen Probleme hatten, sondern im
Gegenteil starke Persönlichkeiten ausbildeten. Ungeachtet dessen
empfahl
Money, Intersexuelle zu operieren, und zwar nicht in Richtung ihres
eventuell vorhandenen authentischen Geschlechts, sondern so, wie es sich
aus
chirurgischer Sicht anbiete. Seine Begründung: Kinder seien bis zu
ihrem
zweiten Lebensjahr "unbeschriebene Blätter", denen man
ihr Geschlecht im
Zuge der Sozialisation beliebig zuweisen könne. Eine Einschätzung,
die sich
fünfzig Jahre später nicht mehr halten läßt.
Knut Werner-Rosen weiß, was in vielen Intersexuellen vorgeht: Sie
leiden
unter Bindungs- und Beziehungsstörungen, Angstzuständen, Vereinsamung,
Depressionen. Fast alle seien unglücklich. Er führt das darauf
zurück, daß
die Eltern der Betroffenen ihre seelische Erschütterung nicht verarbeiten
konnten. Michel Reiter kennt noch weitere Spätfolgen: "Viele
operierte
Hermaphroditen versuchen, ihr Geschlecht zu ändern, oder sind nicht
in der
Lage, genitale Lust zu empfinden." Er führt das auf die Brutalität
der
zahlreichen Operationen in der Kindheit zurück.
Auch Ernst Bilke hat gelitten, aber nicht in erster Linie wegen der
Operationen, sondern weil er so lange nicht wußte, was mit ihm los
war. Als
er achtzehn war, bescheinigte ihm ein Psychiater eine "Adoleszenzkrise",
es
folgten Depressionen, Panikstörungen, Migräne und ein Selbstmordversuch,
Heirat, Scheidung und ein schwerer Unfall. Zehn Jahre lang war er in
psychotherapeutischer Behandlung. Mit 27 Jahren bestätigte ihm zum
ersten
Mal ein Gutachter, daß er nicht schizophren oder psychotisch sei,
sondern
daß die "somatische Unentschiedenheit seiner Natur" auch
eine psychische
Dimension besitze, daß es also in gewissem Sinne "normal"
sei, daß er sich
beiden Geschlechtern zugehörig fühle. Von da an ging es aufwärts.
Heute absolviert der Fahrlehrer eine Umschulung zum Online-Redakteur für
Fachzeitschriften. Er fühlt sich gut, hat den Mut gefunden, sich
ein Kind zu
wünschen, und seine zweite Frau glaubt, daß er zwar ein "anderer,
aber nicht
schlechterer Vater" werden wird. Bilke meint: "Ich habe als
Kind gelernt,
dem, was ich fühlte, zu mißtrauen. Das hat mir mehr geschadet
als alles
andere." Aber inzwischen sieht er auch das Gute. Heute versteht er
sich als
"Vorbote einer Zeit, in der Männer, Frauen und Hermaphroditen
so
gleichberechtigt miteinander leben können, daß es nicht mehr
darauf ankommt,
in die ,richtige' Richtung zu operieren".
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