|
Ich wurde 1980 als Junge geboren. Meine Kindheit war Anfangs eigentlich
recht "Normal". Ich bin das älteste von insgesamt 3 Kindern.
Ich habe eine jüngere Schwester und einen jüngeren Bruder.
Deshalb habe ich lange auch eine Vorbildfunktion gehabt. Etwa bis zu meinem
9. Lebensjahr führte ich wie gesagt ein normales Leben als Junge.
Habe Cowboy und Indianer im Garten gespielt mit Pistolen und Messern...habe
mir Schwerter und Lanzen aus Holz geschnitzt und war überhaupt viel
Draußen.
Allerdings habe ich immer mit Jungs und Mädchen aus der Nachbarschaft
gespielt. Damals war mir nicht so bewusst wie aus heutiger Sicht , dass
ich mich mit den Mädchen viel besser verstand. Ich war damals auch
ziemlich Beliebt bei den Mädchen. Ich weiß nicht ob sie mich
irgendwie Cool fanden oder einfach nur Verständnisvoll, weil ich
schon immer gut zuhören konnte.
Irgendwie soll ich wohl als "kleiner Junge" ein ziemlicher Draufgänger
gewesen sein, der viel Ärger und Dummheiten gemacht hat. Heute kann
ich mir das gar nicht mehr vorstellen.
Alles ist so Merkwürdig aus heutiger Sicht...Z.B. weiß ich
, dass ich genauso mit Barbiepuppen und Kinderküchen gespielt habe
wie mit Autos und Soldaten, doch überwiegend mit Legos.
Im Kindergarten war ich immer begeistert davon Vater, Mutter, Kind zu
spielen während die anderen Jungs am rumtoben waren. Obwohl ich eigentlich
immer schon recht introvertiert war. Ich habe nie so richtig an Singspielen
oder Vorstellspielen teilgenommen weil ich dazu zu schüchtern war.
Ich wollte irgendwie nie auffallen aber tat dies durch mein "merkwürdiges"
"anderes" Verhalten erst recht.
Dann, so gegen Ende der Grundschulzeit, merkte ich irgendwie das ich
anders war als die Anderen.
Ich habe zwar weiterhin mit Jungs gespielt, aber konnte immer weniger
mit Ihnen anfangen und es gab immer öfter Streit.
Ich spielte am liebsten Völkerball mit den Mädchen, und war
auch immer da, wenn sie reden wollten. Ich denke heute, das ich den Mädchen
leid getan habe, weil ich damals dann oft geärgert und gehänselt
wurde von den Jungs, weil ich eben anders war.
Ich konnte eigentlich noch nie verstehen, warum die Geschlechterrollen
so "festgelegt" waren bzw. sind. Wieso konnten "wir"
Jungs nicht mit den Mädchen spielen?
Wieso mussten wir Jungs die Mädchen ärgern? Ich hatte selbst
damals nie Verständnis dafür und mir taten die Mädels auch
leid.
Jungs spielen Fußball! und Mädchen spielen Völkerball!...warum???
Jungs spielen nicht mit Puppen sondern mit Soldaten oder Autos!!!
Diese Art von Grenzen verstand und verstehe ich nie.
In der Orientierungsstufe war es nicht anders als in der Grundschule.
Ich wurde verhauen, gehänselt, gemobbt und es war kaum zu ertragen.
Wieder war ich derjenige, der sich immer die Sorgen und Probleme der Mädchen
angehört hat. Auf Klassenfahrten und in den Pausen...doch spielen
oder Zeit mit mir verbringen wollten sie nicht mehr, die Zeit war vorbei,
damals wollten sie natürlich unter sich sein. Also war ich fast immer
allein, es sei denn es gab wieder Haue.
Zu dieser Zeit wurde ich mir langsam sicher, das ich nicht nur anders,sondern
außerdem ein Mädchen bin.
Ich war immer neidisch auf die Mädchen in meiner Klasse, die anfingen
sich zu Frauen zu entwickeln .Ich spürte, dass ich auch so sein wollte.
Ich wollte mich auch für Mode interessieren und Shoppen gehen. Ich
beneidete sie um ihre schönen Klamotten und wie die Mädchen
untereinander miteinander umgingen. Sie waren so viel reifer und vernünftiger
als Jungs und hielten viel besser zusammen. Nicht so wie die Jungs, die
sich gegenseitig ärgerten und verarschten. Natürlich gibt es
auch unter Mädchen richtige Zicken, aber trotzdem merkte ich das
sie ganz anders waren als Jungs, und so wollte ich auch sein.
Abends wenn ich zu Bett ging habe ich immer gebetet, das ich auch ein
Mädchen werde und Brüste bekomme und alles was dazugehört.
Morgens war ich dann enttäuscht bzw. merkte das da beten nichts hilft.
Das es so etwas wie Transidentität gibt, wusste ich damals Selbstverständlich
noch nicht.
So lebte ich Jahr um Jahr und nichts änderte sich, nur der Frust,
an meinen männlichen Körper gefesselt zu sein wurde immer größer.
Zwischendurch in meiner Kindheit spielte das Thema "Mädchen
sein" irgendwie auch mal keine Rolle. Ich hatte viele andere Dinge
im Kopf und dachte da irgendwie nicht drüber nach. Dennoch war das
Gefühl, das da etwas ist was mich von Jungs unterscheidet nie weg,
es war immer Gegenwärtig.
Irgendwann so im Alter von 12 Jahren habe ich an Nachts Lippenstift und
Mascara ausprobiert, mit schrecklicher Angst im Nacken dabei erwischt
zu werden. Heute weiß ich auch gar nicht mehr so recht wie ich auf
die Idee kam...aber irgendetwas in mir brachte mich dazu. Mein Herz rannte
wie wild, aber mir gefiel das unglaublich gut. Das Gefühl der weichen
Lippen und der Geruch und all das. Eines Nachts wurde ich auch erwischt,
aber da war ich schon so 16 Jahre alt. Mein Vater kam plötzlich in
die Küche und ich schloss mich in die Dusche ein. Er sah Zigarettenkippen
mit rotem Lippenstift und rief : Was machst Du da!!! Fängst Du jetzt
etwa mit sowas an??!! Ich sagte nichts und er ging wieder ins Bett. Schnell
wusch ich mir den Lippenstift ab und ging mit Herzklopfen und unglaublich
schlechtem Gewissen ins Bett.
Am nächsten Tag allerdings sprach mein Vater mich nicht darauf an,
und auch niemals später. Doch das änderte nichts an meinen Gefühlen.
Ich tat das immer wieder, weil mir nicht nur das Gefühl so sehr gefiel
, sondern weil ich spürte das es richtig war und das es so sein sollte.
Wenn meine Eltern weg waren fing ich an BH's und Kleider zu tragen, auch
Nylons und so weiter. Immer wenn ich das tat hatte ich ein ganz seltsames
Gefühl. Es war so eine Mischung aus Erlösung und Schuldgefühlen...trotzdem
fühlte ich mich auch sehr sehr wohl. Manchmal war es aber so knapp,
das meine Eltern mich beinnahe erwischt hätten. Ich sagte mir dann
immer "Ich mach das nie wieder" . Aber sobald sich die nächste
Gelegenheit bat, wurde ich wieder zur Frau und zog wieder die Kleider
an, dann fühlte ich mich wieder frei und glücklich.
Anfangs hat mich das Tragen von Frauenkleidern auch sexuell erregt, weshalb
ich später, nachdem ich etwas darüber las, erst dachte ich wäre
vielleicht ein Transvestit. Durch all diese komischen Gefühle und
Gedanken, die ich gar nicht einordnen konnte, fing ich so mit 17-18 an
viel Haschisch zu rauchen, das war so schlimm, dass ich mich sehr veränderte.
Ich tat das täglich, kam kaum noch aus meinem Zimmer und hatte kaum
noch Kontakt zur Außenwelt, Freunden und hatte oft Streit in der
Familie. Ich wurde aggressiv und schmiss beinahe meine Ausbildung. Irgendwann
merkten das meine Eltern und redeten mit mir. Gott sei dank schaffte ich
es von heute auf morgen mit dem Kiffen aufzuhören. Nicht zuletzt,
weil meine Eltern sehr Verständnisvoll damit umgingen und mich auch
trösteten anstatt mich auszuschimpfen .An dieser Stelle nochmal ein
großes Lob und vielen Dank an meine Eltern.
Als ich meine, wie es sich gehört, "männliche" Ausbildung
zum Kfz-Mechaniker machte, viel es mir sehr schwer mich in die Kollegschaft
einzufügen. Natürlich alles Männer. Handwerker, die das
Klischee auch voll erfüllten. Grobe Sprüche, Bildzeitung, Witze
über Frauen, Fußball, Formel 1 und Bier trinken....Das war
so schrecklich für mich.
Ich merkte das viele meiner Kollegen mich für einen "Wunderling"
hielten. Sie akzeptierten mich zwar, aber so toll war die Arbeitsatmosphäre
nicht.
Ich wusste sehr früh, das diese Ausbildung und diese Art von Arbeit
nichts für mich ist und keine Zukunft für mich hat.
Was noch dazu kam war die Schule...Berufsschule für Metaller, alles
nur Jungs...richtig "coole" Typen die nur saufen, Formel 1 und
frauenfeindliche Witze kannten. Ich kam mir vor wie in der Hölle.
Dann, nach meiner Ausbildung kam meine Einberufung und Musterung. Gleich
von Anfang an war für mich klar, Bundeswehr auf gar keinen Fall!!
Ich verweigerte, was aufwendig war aber sein musste. Denn bei der Vorstellung,
monatelang nur mit Männern zusammenzusein um das Töten zu lernen
und zu saufen und mir schon wieder frauenverachtende Sprüche anzuhören
wurde mir schlecht. Außerdem wollte ich nicht meine schönen
langen Haare verlieren.
Also machte ich Zivildienst.11 Monate im Krankenhaus. Das gefiel mir sehr
gut. Nette Menschen und Kollegen die ganz anders drauf waren als "Handwerker"
und so....bitte nicht böse sein wenn ich das so schreibe, ich weiß
nicht alle sind so. Tatsache ist aber, das Menschen in sozialen Berufen
ganz anders sind. Außerdem hatte ich viel mit Frauen zu tun, was
mir sehr angenehm war.
Anstatt nach dem Zivildienst gleich zu wechseln, machte ich den nächsten
Fehler meines Lebens. Ich ging auf die "Technische-Fachoberschule",
wo ich wieder nur mit Männern zusammen war. Da meine Leistungen aber
nicht ausreichten und dermaßen schlecht waren verlies ich freiwillig
die Schule noch vor Ende des ersten Jahres.
Und das war das beste was ich bisher gemacht habe...denn ich bewarb mich
endlich an der Fachoberschule für Sozialwesen.
Endlich Menschen die auch geistig auf meiner Wellenlänge lagen, will
heißen, einfach so drauf sind wie ich. Und was für mich das
beste war, nur Mädchen in meiner Klasse mit Ausnahme von ein zwei
Jungs. Endlich war ich da, wo ich immer schon hätte sein sollen und
fühlte mich unwahrscheinlich wohl in meiner Umgebung, obwohl natürlich
niemand in der Schule weiß, dass ich transsexuell bin...natürlich
bin ich auch nicht gerade so integriert wie ich es mir wünsche, weil
meine Mitschülerinnen mich ja als Mann sehen, aber mir geht es dennoch
besser als je zuvor.
Ich weiß, dass ich an dieser Stelle sehr über den Beruf des
Handwerkers und Soldaten hergezogen habe. Ich bitte dies zu entschuldigen,
denn es ist nicht allgemein gemeint...es sind lediglich die Erfahrungen,
die ich selbst in der mir eigentlich fremden "Männerwelt"
gemacht habe.
Nachdem ich vor einigen Jahren einen Internetzugang bekam, fing ich an
einiges zum Thema Transvestiten und transidente Menschen zu lesen und
mir wurde klar, dass ich transsexuell bin. Das war sehr schön für
mich denn ich sah jetzt, das ich nicht pervers oder allein bin, sondern
das es viele Menschen mit diesem "Problem" gibt, und das es
nichts schlimmes ist. Es gab sogar eine medizinische Bezeichnung, nämlich
nach ICD F64.0 Transsexuallismus.
Diese ganze Erfahrung war sehr erleichternd für mich. Jetzt wusste
ich zwar über mich Bescheid, aber das löste das Problem ja noch
nicht...
Wie sollte ich jetzt weiterleben, bzw. wie soll ich jetzt weiterleben.
Ich machte/mache weiter wie bisher, trug Frauenkleidung und Makeup immer
nur Nachts bisher nie in der Öffentlichkeit und spüre , wie
der Druck immer stärker auf meiner Seele lastet.
Bis zum 06.12.03 , denn das war der Tag meines ersten Outings.
Ich feierte bei mir zu Hause ein bisschen mit meiner Schwester. Wir tranken
Wein sahen Fernsehen und unterhielten uns. Ich verstand mich seit längerer
Zeit immer besser mit Ihr und wir trafen uns häufig am Wochenende.
Irgendwie kam ich dann darauf Ihr meine Beiträge die ich auf der
Homepage der TransFamily schrieb zu zeigen. Ich saß auf meinem Bett,
voller Angst, und sie am Computer und las, sie las alles was ich schrieb.
Dann drehte sie sich zu mir um und sagte...Ich wusste doch das mit Dir
was nicht stimmt, das habe ich mir schon lange gedacht. Ich fing schrecklich
an zu weinen und war total fertig. Da kam sie zu mir und nahm mich in
den Arm. Sie meinte dann, das ist doch nicht so schlimm, endlich weiß
ich was mit dir los ist, dann habe ich halt keinen Bruder sondern eine
Schwester. Ich war so glücklich und erleichtert als wäre mir
ein riesen Fels vom Herzen gefallen. So ein schönes Gefühl hatte
ich noch nie in meinem Leben. Sie versprach mir, immer zu mir zu halten,
egal was passiert und ich war überwältigt von Ihrer Reaktion.
Heute sind wir richtig wie Schwestern, wir können über alles
reden und sie sieht mich als Frau.
Noch im selben Monat, am 30.12. ,besuchte ich meine Schwester, weil Ihr
Mann Geburtstag hatte...wir feierten lange und alles war so richtig schön.
Doch plötzlich bekam ich einen Gefühlsausbruch. Ich konnte irgendwie
nicht mehr .Ich ging mit meiner Schwester nach Draußen und fing
an zu weinen...sie hat versucht mich zu trösten, aber ich hielt den
Druck nicht mehr aus. Ich wollte/musste mich unbedingt noch jemandem anvertrauen.
Ich ging wieder in die Küche und redete mit meiner Schwester über
meine Gefühle, wem konnte ich es erzählen, wer hätte Verständnis?
Da kam meine Schwägerin in die Küche, die ich schon immer sehr
mochte. Sie fragte was macht ihr denn hier? Ich sah meine Schwester an,
und wir lächelten...Dann sagte meine Schwester zu Ihr, mein Bruder
ist eine Frau!
Meine Schwägerin traute ihren Ohren nicht...Wir unterhielten uns
eine ganze Weile, und dann sagte sie, cool dann habe ich eine neue Freundin
und nahm mich in den Arm. Ich konnte wieder mein Glück nicht fassen
das mir soviel Verständnis und Liebe entgegengebracht wurde. Wir
hatten an dem Abend noch viel Spaß und ich war überglücklich.
Eine ganze Weile darauf, Anfang diesen Jahres, als ich meine Schwester
wieder besuchte, habe ich mich zum ersten mal vor einem Mann geoutet ,
nämlich vor dem Mann meiner Schwester. Die Reaktion war natürlich
nicht so herzlich wie bei den Frauen, aber durchaus positiv. Er kommt
gut damit zurecht und ist der Meinung das jeder so Leben soll wie er oder
sie möchte .Also habe ich bei bisher jedem meiner Outings nur positive
Erfahrungen gemacht und ich bin sehr Glücklich das ich das getan
habe, weil ich jetzt Menschen habe mit denen ich über meine wahren
Gefühle reden kann und Menschen hab die zu mir halten und mich wirklich
kennen.
Ich hoffe das diese Erfahrungen auch anderen transidenten Menschen Mut
machen und etwas helfen, obwohl ich selbst noch nicht mein "großes
Outing" hinter mir habe.
Was immer wieder zu lesen ist, ist , das es heute ja viel einfacher ist
sich auzuleben und das die Toleranz der Menschen viel größer
ist. Aber ich weiß nicht so ganz ob das Zutreffend ist. Ich denke
, das eine Veränderung in diesem Maße mit diesen Konsequenzen
für niemanden zu keiner Zeit leicht ist. Immerhin ist es ja Tatsache,
das man der Öffentlichkeit und Familie mitteilen muss , das man ein
ganz anderer Mensch ist , als alle jahrelang gedacht haben.
Jeder/Jede muss damit mehr oder weniger allein fertig werden, doch ist
dieser schwere steinige Weg bestimmt besser als sich ein Leben lang zu
quälen. Und deshalb habe ich mich entschieden diesen Weg zu gehen.
Natürlich hätte ich noch viel mehr schreiben können, aber
im Schreibefluss geht der eine oder andere Gedanke schon mal unter, was
aber ja noch nachgeholt werden kann.
Carpe diem und Kopf hoch
Tanja
|