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An einem frühen Morgen im Jahr 1953 habe ich den Bauch meiner Mutter
nach 9-monatiger Produktionszeit als Säugling männlichen Geschlechts
verlassen.
Ich kann mich zwar nicht mehr genau erinnern, aber ich glaube die Freude
meiner Eltern muss wohl ziemlich groß gewesen sein.
Die ersten Jahre habe ich wohlbehütet mit Essen, Rülpsen, Schlafen,
Schreien, Lachen, Spielen, Kriechen, Laufen usw. verbracht.
Mit dreieinhalb hat mich meine Großmutter in Mädchenkleider
gesteckt und beim Fotografen Bilder machen lassen. Es hat mir anscheinend
gefallen, denn ich mache auf den Fotos einen fröhlichen Eindruck.
Was meine Großmutter zu dieser Aktion bewegt hat, kann (oder will)
mir bis heute keiner erklären. Auf anderen Aufnahmen aus dieser Zeit
bin ich immer mit einem Pagenschnitt als Frisur zu sehen. Also nicht unbedingt
eine knabenhafte Frisur.
Im Alter von 5 Jahren sind wir dann bedingt durch den Job meines Vaters
ins Ausland umgezogen. In den nun folgenden 5 Jahren habe ich eine unbeschwerte
und in der Erinnerung schöne Kindheit im Land der Windmühlen
verbracht.
In dieser Zeit habe ich mich spielerisch ganz gern mal in der weiblichen
Rolle geübt. Meine Eltern schoben diese Vorliebe allerdings dem vererbten
schauspielerischen Talent meiner Großmutter zu. Auch meine Vorliebe
am Anziehen der herrlich glatten und zarten Nylonstrümpfe meiner
Mutter fand keine allzu große Beachtung. Wenn meine Vorliebe allerdings
Laufmaschen produzierte, war das Geschrei groß. Nylonstrümpfe
waren Ende der 50er Jahre noch sehr teuer.
Mein weiteres Leben verlief bis auf den Umzug in eine norddeutsche Kleinstadt
ohne erwähnenswerte Vorkommnisse. Ich kann mich jedenfalls nicht
daran erinnern, dass meine Leidenschaft für feminine Bekleidung in
dieser Zeit groß in Erscheinung trat.
Das änderte sich aber schlagartig mit Beginn der Pubertät.
Mit 12 habe ich mir - wenn immer möglich - heimlich den "Playboy"
meines Vaters angeschaut und war total begeistert und hingerissen von
der Schönheit der abgebildeten Damen. Da mein Vater in der Modebranche
tätig war lagen bei uns natürlich auch alle möglichen Modemagazine
rum, in denen es nur so von eleganten, attraktiven Frauen wimmelte. Anfang
der 60er Jahre war die Damenmode noch wesentlich femininer als heute.
In meinen Tagträumen wollte ich auch so aussehen.
Wenn ich allein zuhause war, fing ich an, getrieben von meiner Phantasie
die Wäsche meiner Mutter anzuziehen. Dies beschränkte sich jetzt
allerdings nicht nur auf die Nylons. Nein, jetzt zog ich Hüfthalter
mit Strümpfen, einen mit Socken ausgestopften BH, Rock, Bluse und
Pumps (damals hatte ich noch die ideale Schuhgröße) meiner
Mutter an. Ich fühlte mich einfach großartig und war total
in mich verliebt. Ich wollte ein Mädchen sein!
Ich hatte mir mittlerweile einen Hüfthalter und Nylonstrümpfe
von meiner Mutter stiebitzt. Diese Sachen trug ich nun begeistert und
glücklich unter meiner normalen Bekleidung.
An einem Abend spielte ich auf dem Fußboden mit unserem Hund. Mein
Pullover war wohl etwas hochgerutscht und meine Mutter, die auf einem
Stuhl am Esszimmertisch saß, sah auf meinem Rücken weiße
Spitze.
Meine Schätze war ich los. Wegen Diebstahls wurde ich zu zwei Wochen
Stubenarrest verdonnert.
Über das Warum und Weswegen wurde nicht gesprochen. Das Thema war
zu peinlich.
Da meine Ausstattung mit Taschengeld sehr mager war, blieb mir nichts
anderes übrig, als mir eine neue Grundausstattung an weiblicher Kleidung
in einem Kaufhaus zu klauen. Ich erinnere mich, dass ich bei dieser zugegebenermaßen
unkonventionellen Beschaffungsmaßnahme ordentlich ins Schwitzen
geraten bin. Aber es ging gut.
Meine neuen Errungenschaften wurden an einem sicheren Ort versteckt und
nur noch mit äußerster Vorsicht aber umso größerem
Wohlbehagen getragen.
Ein weiterer Umzug nach Bayern stand an und das Thema Damenkleidung dümpelte
so vor sich hin. Die ersten Freundinnen kamen und gingen. Meine Leistungen
auf dem Gymnasium wurden immer schlechter. Das Verhältnis zu meinen
Eltern auch.
Die weibliche Seite in mir kam und ging wie eine Wellenbewegung. Seltsamerweise
hatte mich mein teilweises Gefühlchaos bis zu diesem Zeitpunkt nie
groß belastet.
Das sollte sich nach einem weiteren Umzug in eine andere süddeutsche
Stadt ändern.
Meine Mutter hatte mich wieder mit weiblicher Unterwäsche erwischt
und war jetzt auch den Gründen nachgegangen. Unter Tränen kam
das Geständnis von mir: "Ich möchte lieber ein Mädchen
sein".
Jetzt brach natürlich die absolute Ratlosigkeit aus. Unser Hausarzt,
ein Mann von beinahe 70 Jahren, wurde konsultiert, untersuchte meinen
Penis und kam zu der Diagnose, dass alles normal sei. Großes Aufatmen
bei allen Beteiligten, außer mir. Ich hatte in Magazinen einige
Berichte über Frauen gelesen, die mal Männer gewesen waren.
Diese hatten mich fasziniert, hier fand ich mich wieder. Aufgrund meiner
Einwände, dass die ganze Geschichte nicht unbedingt allein was mit
meinem Penis zu tun hat, wurde die psychologische Abteilung der örtlichen
Uniklinik eingeschaltet. Wir schrieben mittlerweile das Jahr 1970. Man
ließ mich Bäumchen malen, fragte mich komische Sachen und entließ
mich mit der Diagnose, dass ich bis auf meinen Spleen doch eigentlich
ganz normal sei. Es würde sich schon alles wieder geben.
In dieser Zeit sah ich durch meine langen Haare wohl sehr feminin aus,
was dazu führte, dass ich zwei
mal von Männern angebaggert wurde. Ich habe mich anfänglich
auch nicht gesträubt, aber nach einer
halben Stunde war klar, dass ich mit Männern sexuell nichts am Hut
habe, was sich übrigens bis heute nicht geändert hat.
Mein Leben plätscherte so dahin. Da Frauen im Dutzend anbaggern,
wie meine Freunde das machten, noch nie mein Ding war, waren meine sexuellen
Abenteuer eher bescheiden. Meine Achtung vor den Mädchen war einfach
zu groß, um ihre Gefühle für ein kurzes Abenteuer zu missbrauchen.
(Ich weiß, das war an Naivität und Edelmut nicht zu toppen!)
Meine Mutter hatte mir freundlicherweise zwischenzeitlich, vermutlich
mit dem Hintergedanken, dass sich das Thema vielleicht doch noch in Wohlgefallen
auflöst, eine Grundausstattung weiblicher Wäsche vermacht. Ich
konnte also mit dem Segen meiner Mutter meine weibliche Seite im stillen
Kämmerlein ausleben. Mein Vater wusste nichts von dieser Geschichte.
In der Zwischenzeit hatte ich meine Lehre beendet und betätigte
mich in allen möglichen Jobs. Meine weibliches Ich war für drei,
vier Jahre total verschwunden. Die Kleidung war entsorgt worden. Ich hatte
meine erste Frau kennen gelernt, wurde zum Zivildienst an den Starnberger
See einberufen und heiratete.
Zwischenzeitlich hatte sich, sozusagen durch die Hintertür, mal
wieder mein feminines Ich eingeschlichen. Es begnügte sich erst mal
mit dem Tragen von Strumpfhosen unter der normalen Kleidung. Meine Frau
habe ich natürlich nicht an meiner Gefühlswelt teilhaben lassen.
Die berühmte Angst vor den Konsequenzen. Soviel zum Thema: "Männer
und Feigheit".
Der Zivildienst ging zu Ende, meine Ehe auch. Die Gründe hatten
nichts mit meiner Veranlagung zu tun.
Ich behielt unsere Wohnung, meine Frau zog aus. Jetzt hatte ich freie
Bahn. Meine weibliche Komponente bekam Oberwasser. Und wie!
Per Versandhaus wurde eine Komplettausstattung inklusiv Perücke geordert.
Mit den Schuhen wurde es etwas schwieriger. Ich war inzwischen bei Schuhgröße
43 gelandet. Ich habe meine armen Füsse dann in etwas konservativ
aussehende 42er Damenschuhe gequetscht.
Wer schön sein will, muss ja bekanntlich leiden!
Kosmetika habe ich mit der größten Selbstverständlichkeit
der Welt im Supermarkt eingekauft. An der Kasse habe ich dann mein arrogantestes
Gesicht aufgesetzt. Kein Mensch traute sich, einen dummen Kommentar abzugeben.
In einem Zeitraum von ca. 8 Monaten habe ich in jeder freien Minute mein
weibliches Ich ausgelebt. In Kleidungsfragen war ich von Anfang an schon
ziemlich stilsicher. Die pubertäre Phase, von der viele Schwestern
berichten, mit superkurzem Mini zu halterlosen Netzstrümpfen in Verbindung
mit 15 cm High Heels und Federboa habe ich offensichtlich übersprungen.
Beim Schminken hatte ich innerhalb kurzer Zeit ebenfalls eine gewisse
Perfektion erlangt.
Nur, es passierte alles in meinen vier Wänden. Für Ausflüge
fehlte mir einfach der Mut! Selbsthilfegruppen gab es Ende der 70er Jahre
wahrscheinlich noch keine. Die Situation hat mich aber auch nicht weiter
belastet. Ich war zufrieden mit dem was ich hatte.
Es kam was kommen musste. Um nicht sozial total zu vereinsamen, bin ich
wieder auf die Piste gegangen und habe prompt eine Frau kennen gelernt,
die mir ganz gut gefiel. Im Rückblick weiß ich nicht mehr,
welcher Teufel mich damals geritten hat. Jedenfalls haben wir nach einem
Jahr geheiratet.
Von meinem "Spleen" habe ich aus o.g. Gründen natürlich
nichts erzählt.
Sie ist von selber drauf gekommen. Wie das ganze abgelaufen ist, fällt
mir beim besten Willen nicht mehr ein. Jedenfalls wurde der Familienrat
einberufen, d.h. sie hat meine Eltern über meine, ich zitiere
"perversen Spielchen" informiert. Meine Eltern haben sich erstaunlich
diplomatisch verhalten. Der ziemlich hilflose Ratschlag meines Vaters
lautete: "Es ist alles erlaubt, wenn es beiden Spaß macht".
Das Thema wurde von da an totgeschwiegen.
Es war aber auch der Anfang vom Ende meiner 2. Ehe, die aber letztlich
ein Jahr später wegen anderweitiger Orientierung meiner Frau scheiterte.
Ich habe innerlich das Kreuz geschlagen und mir einen neuen Job im Außendienst
gesucht, der mich nach Frankfurt/M. führte.
In der 6 monatigen Probezeit habe ich ausschließlich in Hotels geschlafen.
Ich konnte mich also jeden Abend in aller Ruhe umziehen und im Hotelzimmer
mein Leben als Frau führen. Auf die Strasse getraut habe ich mich
nach wie vor nicht.
Im Mai 86 war ich beruflich zwei Wochen auf einer großen Fachmesse
in Düsseldorf. Mit drei Kollegen machte ich während dieser Zeit
die Düsseldorfer Altstadt unsicher. Am Abend eines für mich
äußerst erfolgreichen Tagen lernte ich in einer Kneipe meine
jetzige Lebenspartnerin kennen und lieben.
Mein feminines Ich verschob sich wieder mal etwas in den Hintergrund,
aber nicht total wie in der Vergangenheit.
Durch meinen Vertriebsjob hatte ich ja nach wie vor die Möglichkeit,
mein Doppelleben weiterzuführen.
In Hotels fuhr ich mittlerweile mit doppeltem Gepäck vor.
Ich weiß nicht, was die Leute gedacht haben, wenn ich mit vollbeladenem
Caddy für eine Übernachtung in der Lobby einlief. Es war mir
auch egal.
In der offiziellen Mundart zuhause, war in den Koffern Demomaterial, das
ich für meine berufliche Tätigkeit benötigte.
Meine Welt war eigentlich ganz in Ordnung. Durch meine berufliche Tätigkeit
war ich bundesweit unterwegs und stieg nun bevorzugt in Motels ab. Ich
war nämlich mutiger geworden, und fing mit abendlichen Ausflügen
en femme an. Motels sind dafür ideal, denn das Auto steht in der
Regel direkt vor dem Zimmer. Ich fuhr also bevorzugt in ruhige Wohnviertel
und machte innerlich total aufgewühlt meine abendlichen Spaziergänge.
Genoss es wenn der Wind um meine nylonbestrumpften Beine strich. War aufgeregt,
wenn mir jemand entgegenkam und mich als Frau grüßte. Negative
Reaktionen gab es eigentlich nie.
Zwei Erlebnisse möchte ich noch von meinen Ausflügen erzählen.
Ich war wieder einmal im Motel der Raststätte Leipheim abgestiegen,
hatte mich geschminkt, angezogen und war zu einem kleinen Ausflug gestartet.
Es war Sommer, es war noch hell als ich losfuhr. Auf einem befestigten
Feldweg habe ich dann stolz und aufgeregt zugleich einen halbstündigen
Spaziergang gemacht. Bei meiner Rückkehr ins Motel dämmerte
es schon leicht. Ich schloss meinen Wagen ab und betrat mein Zimmer. Die
Tür war noch nicht ganz geschlossen als das Telefon klingelte und
eine Männerstimme fragte nach einer attraktiven jungen Dame, die
er gerade beim Betreten des Zimmers gesehen hatte und die er gern auf
ein Getränk einladen würde. Als ich entgegnete, dass es hier
keine junge Dame gäbe, war der Gute dermaßen verunsichert,
dass er anfing zu stottern. Leute gibt's.
Die zweite Story hat sich in einem Motel in Muggensturm in der Nähe
von Karlsruhe ereignet. Ausgangssituation wie oben. Ausflug am Abend en
femme nach Karlsruhe. Rückkehr im Dunkeln. Ich fuhr damals ein Mercedes
Coupe. Auf dem Hof des Motels stand eine Gruppe verwegen aussehender Harley
Fahrer. Ich rauschte so schnell wie möglich in mein Zimmer. Tür
abgeschlossen. Zwei Minuten später klopft es und eine männliche
Stimme meinte, ich solle doch mal raus kommen. Leute, ich kann euch gar
nicht sagen wie mir die Düse ging. Ich habe nicht reagiert. Es ist
aber auch weiter nichts passiert.
Am nächsten Morgen beim Frühstück erfuhr ich von einem
anderen Gast, dass dieses Motel auch gern als Stundenhotel benutzt wird.
Gelegentlich würden auch mal Rocker vorbei kommen und kontrollieren,
ob sich privat arbeitende Damen anbieten. Glück gehabt!
Meine Frau ahnte nach wie vor nichts von meinem Doppelleben. Dies sollte
auch bis 1993 so bleiben. Unsere Beziehung war nach 7 Jahren in eine leichte
Krise geraten. Ich hatte ein platonisches Verhältnis zu einer Hotelierstochter.
War irgendwie eine seltsame Geschichte. Wir mochten uns, wir redeten nächtelang,
telefonierten stundenlang, aber sonst passierte nichts.
Frauen haben ja angeblich einen siebten Sinn. (Habe ich übrigens
auch!) Also, meine Frau wurde durch Anrufe auf meinem Handy auf die Geschichte
aufmerksam.
An einem Samstagmorgen, es war der 07.06.1993, geschah etwas, dass mein
weiteres Leben grundlegend verändern sollte.
Meine Frau stand um 10:00 im Schlafzimmer und gab mir mit emotionsloser
Stimme zu verstehen ich möge doch bitte mal mit runterkommen, es
gäbe da etwas, was sie nicht verstehen würde. Ich schlürfte
verschlafen hinter ihr her die Treppe runter.
Mit einem Schlag war ich hellwach. Im Flur stand einer meiner Pilotenkoffer,
in denen ich meine Zweitgarderobe transportierte. Er war offen und davor
lag ein Paar schwarzer Pumps, die nicht meiner Frau gehörten.
Mein Doppelleben war aufgeflogen!
Auf der einen Seite die Katastrophe, auf der anderen Seite die Erleichterung,
dass das Versteckspiel ein Ende hatte! Ich hatte mich in den vorhergehenden
Wochen immer öfter, wenn meine Frau ins Bett gegangen war, umgezogen,
und so im Wohnzimmer ferngesehen. Ich glaube heute, dass ich entdeckt
werden wollte. Für ein outing hat mir ja wie schon öfter der
Mut gefehlt.
Ich habe wohl einen ziemlich jämmerlichen, niedergeschlagenen und
traurigen Eindruck auf meine Frau gemacht. Jedenfalls ergriff sie die
Initiative zum Gespräch.
Anfangs noch stockend, doch dann sprudelte es wie ein Wasserfall aus mir
heraus, was mich belastete, meine Ängste das ganze aufgestaute Elend.
In diesem Augenblick war es mir glaube ich auch egal, ob ich mich um Kopf
und Kragen redete.
Für meine Frau war das ganze schon ein Schock, hinzu kam noch die
Enttäuschung über den Vertrauensbruch. Aber anscheinend war
das ganze leichter zu ertragen als eine Nebenbuhlerin, denn sie nahm die
Herausforderung an sich mit einer imaginären Person auseinander zu
setzen.
Wir haben in der ersten Zeit unheimlich viel über die ganze Thematik
geredet. Für einen Menschen, der sich damit noch nie auseinandergesetzt
hat, ist das ganze schon schwer zu verstehen.
Unsere Beziehung änderte sich grundlegend. Ich, der bisher immer
den Parademacho gegeben hatte, um ja keinen Zweifel an meiner Männlichkeit
aufkommen zu lassen, konnte mich auf einmal einfühlsam, sanft, ja
einfach so geben wie ich wirklich empfand. Für meine Frau war ein
neuer, wesentlich liebevollerer Mensch und Lebenspartner geboren. Wenn
ich zwischendurch noch mal so meine Anwandlungen habe, heißt es
heute: "Na, ist Dein böser Bruder wieder da?" Es hat sich
unheimlich viel zum Positiven gewandelt. Es wurden auch Eigenschaften
von mir erklärbar, wie z.B. meine Liebe für Damenschuhe. Ich
hatte meine Frau immer, und tue es auch heute noch, mit Pumps oder Sandaletten
ausgestattet, die ich besonders schön fand. Gleiches gilt auch für
Strümpfe oder Strumpfhosen. Selbst bei Make Up wird mein Rat gerne
in Anspruch genommen.
Nicht, dass hier falsche Vorstellungen aufkommen, meine Frau ist eine
attraktive, selbstbewusste moderne Frau. In Ihrem eigenen Unternehmen
steht sie jeden Tag ihre Frau.
Wir hatten vereinbart, dass meine Frau den Startschuss gibt, um sich auch
optisch mit meiner weiblichen Seite auseinander zu setzen. Nach erstaunlich
kurzer Zeit kam die Neugier auf Jennifer, und somit der Startschuss.
Als ich dann etwas unsicher als Jennifer ins Wohnzimmer kam, war meine
Frau sprachlos. Damit hatte sie nicht gerechnet. Eine klassisch elegant
gekleidete und perfekt geschminkte junge Frau von 39 Jahren stand vor
ihr. Der Kommentar meiner Frau war: "Toll, Dich hätte ich auf
der Strasse nie erkannt. Ich hatte Angst davor, Dich in einem lächerlichen,
tuntenhaften Aufzug zu sehen". Das Eis war gebrochen und Jennifer,
wie ich mich seither nenne, geboren.
Meine Frau hat dann auch Fotos von Jennifer gemacht, ich kannte mich ja
nur aus dem Spiegel und da sieht man ja bekanntlich das was man sehen
will. Als ich die Aufnahmen beim Fotografen abholte, war ich von dem Ergebnis
so überwältigt, dass mir die Tränen kamen. Das auf den
Fotos sollte ich sein, ich konnte es nicht glauben. Es war ein wahnsinniges
Gefühl!
Meine Frau informierte sich nun an allen möglichen Stellen. Auf
eine Annonce in der Zeitschrift "Freundin", in der sie Kontakt
zu anderen Frauen in gleicher oder ähnlicher Situation gesucht hatte,
kamen einige Zuschriften, die schlussendlich nicht groß weiterhalfen.
Eine Zuschrift kam von der Redaktion der Talkshow "Vera am Mittag",
die einen Beitrag zum Thema "wenn Männer Röcke tragen"
machen wollten. Nach langem Hin und Her, wir wollten sichergehen, dass
mit unserem Thema behutsam umgegangen wird und wir nicht vorgeführt
werden, haben wir uns dann entschlossen, an der Sendung teilzunehmen.
Es war ein voller Erfolg und ein wunderschönes, von SAT1 gesponsertes
verlängertes Wochenende in Potsdam.
Wir hatten auch noch berücksichtigt, dass meine Schwiegermutter,
eine bekennende "Vera am Mittag" Guckerin, am Sendetermin im
Urlaub war. Was wir allerdings nicht wussten, war die Tatsache, dass unsere
Sendung in der Sommerpause im Juli wiederholt wurde...!
Was folgte, war der aufgeregte Anruf von einer Tante meiner Frau bei meiner
Schwiegermutter, sie möge doch bitte den Fernseher einschalten. Am
Abend kam schließlich der Anruf meiner Schwiegermutter mit der Frage,
was wir uns denn dabei denken würden, die Leute im Fernsehen so auf
den Arm zu nehmen. Sie hätte sich jedenfalls köstlich amüsiert.
Meine Frau war übrigens trotz Perücke erkannt worden. An der
Stimme.
Bei einem Besuch ihrer Mutter hat meine Frau dann behutsam Aufklärungsarbeit
in Sachen "Jennifer" betrieben. Das Ergebnis war, dass Jennifer
zu Weihnachten einen wunderschönen goldenen Ring mit einem silbernen
Herzchen bekam. Auch in der Folgezeit wurde ich hin und wieder mit einem
neuen Oberteil oder ähnlichem bedacht. Auch von meiner Frau wurde
ich nun mit ausgesuchter Damenkleidung versorgt. Auch die Beschaffung
eleganter Damenschuhe in Größe 43 bereitet heute keine Probleme
mehr.
Jennifer war von nun an festes Mitglied unseres Haushalts. Wir machten
gemeinsame Spaziergänge in der Stadt und auf freiem Feld. Es gab
Zeiten, in denen Jennifer öfter zu Besuch kam und es gab Zeiten,
in denen sie sich rar machte.
Es gab aber auch Zeiten, in denen Jennifer, das Luder, für uns zum
Problem wurde, nämlich wenn ich Phasen hatte, in denen ich lieber
mein weiteres Leben als Frau geführt hätte. Einmal war ich an
dem Punkt, an dem ich fachfrauliche Hilfe in Anspruch nehmen musste. Ein
Geschlechtstest hatte das Ergebnis "wahrscheinlich transsexuell"
ausgespuckt. Ich weiß nicht warum mich dieses Ergebnis dermaßen
aus der Spur gehoben hat, denn ich war ja selbst davon überzeugt,
dass ich eine stark ausgeprägte transsexuelle Tendenz aufweise. Jedenfalls
bin ich zu einer Person in die Sprechstunde gegangen, die mit unserer
Thematik vertraut ist und schon einige TS auf ihren Wegen durch die Instanzen
begleitet hat. Die ersten Sitzungen waren noch ganz interessant aber dann
trat das ganze auf der Stelle. Es waren für mich keine verwertbaren
Fortschritte erkennbar. Daraufhin habe ich die ganze Geschichte abgebrochen.
Die Liebe meiner Frau zu mir muss sehr groß sein, denn sonst hätte
sie diese Phasen nicht mit mir durchstehen können.
Ich bin ein ziemlich pragmatischer Mensch, der genau Für und Wider
abwägt und immer wieder zum Schluss gekommen ist, dass es einen anderen
Weg, als den der endgültigen Entscheidung für eine Seite geben
muss.
Vielleicht war auch die innere Not nicht groß genug, um die Angst
vor den Konsequenzen zu besiegen.
Als Mann bin ich in der bemitleidenswerten Situation, dass ich jetzt
für zwei Frauen sorgen muss. Und Frauen kosten Geld, ich sag's euch!
Aber trotzdem, ich liebe sie beide, jede auf ihre Art. Meine Frau, weil
sie mir mit ihrer Geduld, mit ihrem Verständnis und mit ihrer Liebe
mehr gibt als man vielleicht erwarten darf. Jennifer, weil sie ein Teil
von mir ist, mit dem ich hoffentlich endlich Frieden geschlossen habe.
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