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Von Carlo
Stunde "0"
Nach einem Gewerkschaftsseminar zum Thema "Homosexualität und
Arbeitswelt" war es endlich soweit - der Mut zu äußerlichen
Veränderungen überwog alle Befürchtungen. Zwei Dinge erschienen
mir dabei wichtig:
1. Möglichst langsam vorgehen, denn den Anderen fällt es schwerer
sich an die Veränderungen zu gewöhnen, als mir selbst.
2. Die Form der Anrede den Anderen überlassen - nicht die Anrede
ist wichtig, sondern die Akzeptanz.
Ich begann mit den Kolleginnen und Kollegen unter 4 Augen zu reden, die
in meiner unmittelbaren Umgebung tätig waren. Zum Glück redeten
wir sowieso recht viel über Privates miteinander. Ich bezog sie in
meine Informationssuche, in meine Überlegungen mit ein. An Fortschritten
und Ärgernissen des Weges ließ ich sie teilhaben. Sie teilten
mein Unverständnis über den Alltagstest genauso wie mein Entsetzen
darüber, dass mein Arzt mir das Sustanon nicht verabreichen wollte.
Ich nutzte jede sich bietende Gelegenheit, mit weiteren KollegInnen über
mein Vorhaben zu reden. Und ich baute auf die "stille Post",
die es ja in jedem Amt gibt.
4 Monate später - die erste Sustanonspritze
Für mich begann mein zweites Leben und die KollegInnen, die davon
wussten, freuten sich mit mir. Jetzt wurde es auch langsam Zeit, den unmittelbaren
Vorgesetzten zu informieren. Mein Fachbereichsleiter nahm es mit Erstaunen,
aber wohlwollend auf. Mir wurde Unterstützung zugesagt, soweit es
ihm möglich sei.
Das Sustanon wirkte erfreulich schnell, so dass ich schon bald am Telefon
mit "Herr" angesprochen wurde. Nach 5 Monaten irrte sich kaum
noch ein Anrufer und ich dachte über die nächsten Schritte nach.
Da ich Mitglied im Personalrat bin, erklärte ich dem gesamten Gremium,
wodurch die Veränderungen bewirkt wurden und was ich im einzelnen
vor habe. Das war 9 Monate nach der Stunde "0".
Während meines Urlaubs besuchte ich wieder ein Gewerkschaftsseminar,
u.a. um mein Selbstbewusstsein zu stärken. Mit Hilfe der Teilnehmenden
spielte ich alle Möglichkeiten durch, die es geben könnte, wenn
ich die Direktorin des Amtes informiere. Ich brauchte einfach neuen Mut.
Dazu muss gesagt werden, dass ich die offizielle Namensänderung nicht
anstrebe.
1 Jahr später - Erheben des Anspruchs auf männliche Anrede
Als erstes bat ich meinen Vorgesetzten um die Änderung der Anrede.
Er selbst sagte es mir zu, aber die Entscheidung im Amt wollte er natürlich
der Direktorin überlassen. Er vereinbarte einen Termin bei ihr für
mich.
Sie hatte sich auf das Gespräch vorbereitet, in dem sie bei der
DGTI angerufen hatte. Patricia muss sie in einem 1-stündigen Telefongespräch
davon überzeugt haben, dass Menschen wie ich, jede Unterstützung
nötig und verdient haben. Allerdings bereitete meiner Direktorin
Kopfschmerzen, dass ich die Namensänderung nicht beantragen will.
Ein Text von Frau Augstein aus dem Internet hatte ich vorsichtshalber
schon ausgedruckt. Auf alle Fälle wurde mir aber zugesagt, über
den Amtsweg die KollegInnen von meiner Bitte zu informieren.
Die nächst höhere Ebene in der Hierarchie ist die Personalabteilung.
Also vereinbarte ich dort einen Termin, um das Problem der Anrede ohne
Namensänderung zu besprechen. Wir fanden eine völlig unkomplizierte
Lösung. Alles was amtsintern ist - wie z.B. Telefonlisten, e-mail-Adressen
und eben die Anrede - kann geändert werden. Schriftstücke im
Außenverkehr werden sowieso von allen neutral nur mit Familiennamen
unterschrieben. Der Dienstausweis wird neu ausgefertigt und enthält
nur noch den Anfangsbuchstaben des Vornamens - Herr bzw. Frau steht sowieso
nicht drauf. Die Urkunden zur Berufung ins Beamtenverhältnis können
natürlich nicht geändert werden und die Personalakte wird weiter
weiblich geführt. Bei evt. auftretenden Unklarheiten sollte ein Gespräch
geführt werden.
14 Monate nach der Stunde "0" hatten wir Personalversammlung.
Ich nutzte diese einmalige Gelegenheit, um ca. 400 Menschen (ca. 1/3 der
Belegschaft) in 3 kurzen Sätzen mitzuteilen, dass ich TM bin und
mich freuen würde, wenn man mich als "Herr" ansprechen
würde. Bis auf eine Ausnahme gab es nur positive Reaktionen.
1,5 Jahre später - ein neuer Personalausweis
Zu diesem Zeitpunkt erschienen mir die Veränderungen ausreichend,
um endlich ein neues Passfoto machen zu lassen. Ich hatte die Brust -
OP hinter mir. Mein PA war kurz vor dem Ablaufen. Also habe ich einen
neuen beantragt. Der Bearbeiter war sehr erstaunt, dass ich keine Namensänderung
vor habe. Aber außer am Vornamen ist im PA das Geschlecht nicht
zu erkennen und wer achtet schon auf den letzten Buchstaben des Vornamens?!
Im Dienst war ich in eine andere Gruppe versetzt worden. Die Gruppenleiterin
wies mich gleich an, im Kopfbogen meiner Schreiben "Herr" einzutragen,
damit gar nicht erst Unsicherheiten entstehen. Der neue Dienstausweis
wurde nun auch angefertigt. Nächste Änderung war die dienstliche
e - mail- Adresse, da diese u.a. mit dem Vornamen gebildet wird. Meine
Visitenkarte beantragte ich mit neutralem Aufdruck - erhalten habe ich
sie mit ausgeschriebenen männlichen Vornamen. Schließlich stände
der auch in der e - mail - Adresse und bei allen anderen MitarbeiterInnen
ist er ja auch ausgeschrieben.
Inzwischen arbeite ich unter diesen Bedingungen bereits wieder ein ganzes
Jahr. Natürlich gibt es immer noch KollegInnen, die es nicht schaffen
(wollen?), mich mit "Herr" anzureden. Selbst meinen FreundInnen
fällt es im Gespräch noch schwer, immer an das "er"
zu denken. Mich stört das aber nicht.
Das Wichtigste ist doch, dass ich so akzeptiert werde,
wie ich bin.
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