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Für den 5. ND – Lesergeschichtenwettbewerb
„Eine Sommergeschichte“ 13.10.2006 Das wieder gefundene Glück von Carlo Der Jahrhundertsommer meines Lebens begann an einem heißen Julitag des Jahres 1981 in einem überfüllten Linienbus, der uns von Wolgograd in das Lager des medizinischen Institutes am Flüsschen Achtuba brachte. Beim Aussteigen wurden unsere mit allerlei nützlichen Gegenständen gefüllten Rucksäcke über die Köpfe der Menschen zum Ausgang gereicht. Dann standen wir drei deutschen Medizinstudentinnen hilflos auf der leeren Dorfstraße. Aus dem Bus heraus wies man uns noch die Richtung. Mit unserer Ankunft hatte noch niemand gerechnet. Im Lager war die Vorhut noch dabei, den Staub des Winters von Hütten, Möbeln und Geschirr zu entfernen. Wir packten gleich mit an und hatten unsere Freude daran als die Wellen eines kleinen Tragflächenbootes einen Teil des schon in der Achtuba gewaschenen Geschirrs wieder in das Flüsschen spülte. Ich war bis über beide Ohren verliebt. Fast vier Wochen mit ihr lagen vor mir. Wir lebten zu dritt in dem spartanisch eingerichteten Zimmer. Wir waren beim Aufräumen des Lagers genauso zusammen wie bei allen sportlichen Aktivitäten. Morgens, wenn die anderen noch schliefen und die Temperaturen erst bei 25 ºC lagen, trainierte unsere Leichtathletikgruppe zum ersten Mal. Nachmittags spielten wir Volleyball, Basketball, Federball und Tischtennis. Obwohl ich nicht sehr sportlich war, musste ich immer wieder mit, damit die Mannschaft vollzählig war. Mir war es recht. War ich so doch immer in ihrer Nähe. Nur zeigen durfte ich meine Liebe nicht. So kam es mir sehr gelegen, dass Achmed ein Auge auf mich geworfen hatte. Gleich am ersten Tag hatte er mich zum Boot fahren eingeladen. Das Flüsschen war nicht breit. Schnell waren wir am anderen Ufer. Unter den Birken lag frisch gemähtes Heu. Und darauf lag sehr schnell nicht nur ich. Ich kam mir vor wie in einem dieser sowjetischen Filme. Eine bessere Tarnung konnte ich mir gar nicht wünschen. Die Gastfreundschaft der russischen Menschen verschaffte uns täglich frische Milch von den Kühen der Bauern. Die ersten reifen Aprikosen bekamen ganz selbstverständlich die drei deutschen Mädchen. Und auf unserem Tisch im Speiseraum fanden sich immer wieder Dinge, von denen unsere Nachbarn bemerkten, dass sie uns besonders gut schmeckten. Wir revanchierten uns mit einem kleinen Programm am Tag des von den Lagerbewohnern selbst gestalteten Kulturabends. Mein schönster Tag dieses Sommers war für die anderen eher unspektakulär. Sascha wollte den letzten Tag vor seiner Hochzeit mit seinen Freunden im Lager verbringen. In der Mittagspause begannen wir beide uns durch das Gelände zu jagen. Wir tobten wie zwei kleine Jungen um die Hütten, machten Knoten in unsere Handtücher und versuchten uns gegenseitig damit zu treffen. Völlig verschwitzt stürzten wir uns in das Flüsschen, nur um uns danach nass im Sand zu wälzen. Erschöpft blinzelten wir uns an und ich dachte: „Das ist Glück – die Sonne strahlt, ich werde jeden Tag satt und habe nur Freunde um mich herum. Was brauche ich mehr!“ 1985 war ich mit dem Studium fertig und kehrte in die DDR zurück. Immer wieder gab es Situationen, von denen andere meinten, dass ich doch glücklich sein müsste. Dann horchte ich in mich hinein und suchte das Gefühl des Sommers. Aber es meldete sich nicht. Ich bekam drei Kinder. Nach jeder Entbindung wartete ich auf das Glücksgefühl. Ich freute mich unbändig über diese winzigen warmen Wesen. Aber das Glücksgefühl stellte sich nicht ein. Irgendwas fehlte, irgendetwas stimmte nicht. Auch als ich endlich merkte, dass ich im falschen Körper steckte und Hormone und Operationen gewünschte Veränderungen hervorriefen, hielt sich das Gefühl noch versteckt. Ab und an wagte es sich jetzt aber hervor, wenn ich eines meiner inzwischen fast erwachsenen Kinder im Arm hielt. Plötzlich und unerwartet war es dann da – ich lag im Altweibersommer dieses Jahres am Ufer der Elbe im Alten Land, schaute in den Himmel. Dort schwebte ein Drachen in der Luft und ich dachte: „Die Sonne strahlt, ich habe jeden Tag satt zu essen und der Drachen wird von einem Menschen gehalten, der mich versteht, auch wenn ich nicht rede.“ |
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