Der lange Weg zur Mastektomie

Teil 2- Die Hautmantelreduktion1

 

Ein Bericht von Philipp H./ Düsseldorf

Nach der erfolgreich verlaufenen subkutanen Mastektomie im September 2000 blieb nun doch noch ein "unschöner" Rückstand: ein überdimensionaler Warzenhof, in sich faltig verschrumpelt und unter sich Hautfalten bzw. -wellen werfend. Dieses "traurige Gesicht" am Oberkörper soll nun auf immer beseitigt werden.

Montag, 25.02.2002

Ankunft & stationäre Aufnahme auf Station 8 A, persönliches Gespräch bei wohl einem der "wichtigsten Männern" in meinem Leben: Dr. Kampmann. Selbstverständlich gewähre ich dem erfahrenen Doc frei Hand für die OP und lasse den "Bodypainter" die Schnittlinien für den Eingriff bei mir aufmalen. Nebenbei erwähne ich, dass ja am morgigen Tage mein Freund und Ex-Zimmernachbar Carsten "Paul" W., sowie Phillip K., ein weiterer Kandidat unserer Truppe aus dem Norden des Landes, eintreffen werden. Dies löst bei Dr. Kampmann zunächst Verwirrung aus: "Der Paul?! Was will DER denn schon wieder hier???" "Soweit ich weiß, soll in einem 3. Eingriff noch mal Haut und eine Narbe korrigiert werden." "Wohl eitel geworden, der Kerl, wie?" lacht Dr. Kampmann. "Na, angesichts der guten Ergebnisse hier, ist das wohl kaum ein Wunder . . ." erwidere ich. Nachdem dadurch wieder völlig klar ist, dass somit die "illustre Runde" in dieser Woche wieder das Hospital unsicher machen wird, organisiert er sofort telefonisch auf Station 8 ein 4- Bett-Zimmer für uns 3. Nach ein paar persönlichen Wortwechseln kehre ich auf Station 8 A zurück, es folgen routiniert Blutabnahme, Blutdruckmessen, etc. Dann werde ich zu meinem Zimmer geführt, Nr. 809. Die Schwester öffnet die Türe - und meinen Augen offenbart sich ein gigantischer Ausblick über das Städtchen Troisdorf. "Sie haben freie Auswahl . . ." teilt mir die nette Schwester mit und deutet auf 4 leerstehende Betten, die auf neue Patienten warten. Begeistert wähle ich eines aus und "ziehe ein".


Dienstag, 26.02.2002

Gegen 7:00 Uhr werde ich geweckt. Ich dusche und werfe mich in meine super-ultra-sexy OP-Wäsche. Kurz nach 8:00 Uhr trifft Carsten ein, die Wiedersehensfreude ist riesig. Gegen 9:00 Uhr erhalte ich meine Schlummer-Brummer-Tablette, die mich etwa 20 Min. später ins Land der Träume schickt. Von nun an folgen auszugsweise Bilder: ir-gendwie der Wechsel in die Anästhesie, ich sehe einen Flat-Screen, der wohl meinen Herzschlag anzeigt, einige An-ästhesisten sehe und höre ich vorüberflitzen. Ich spüre eine Klammer an meinem rechten Zeigefinger, an meiner lin-ken Hand wird eine Nadel eingeführt. Irgendwann öffnet sich die große Türe, ich blicke direkt in den OP. Viele Ärzte, ein Bett, davor ein Arzt sitzend, meinen Vorgänger-OP-Kandidaten irgendwo nähend. Bevor ich mir die Frage selber beantworten kann:" Hä??? Sehe ich das jetzt wirklich??" ist die Türe wieder zu. Ab und an höre ich Wortfetzen. Da geht die große Türe erneut auf, ich sehe das gleiche Bild noch einmal: es wird weiterhin gestopft. Filmriss. Dann schiebt sich ein grün maskierter Kopf direkt über meine Augen: Guten Tag. Ich bin der Dr. Namehannichverjessen, ihr Narkosearzt. Ich setze Ihnen jetzt eine Maske auf und dann werden Sie gleich einschlafen. Grinsend versuche ich meinen Kopf zum Nicken zu bewegen und lasse mir die Maske aufsetzen. Während ich tiefe Atemzüge nehme und schlafen will, denke ich voller Vertrauen daran, dass im OP Dr. Kampmann ist, der mir meinen größten Wunsch erfüllen wird. Nach dem 2. Atemzug schätze ich den 3. als den Letzten ein, den ich noch wahrnehmen werde. Und mit den Worten: "Schlaf schöööööön" vom Narkose Arzt ist die Szene "Vor der OP" für mich beendet. Als ich um 13:00 Uhr herum aufwache, sitzen Carsten und P.K. auf ihren Betten und lächeln mich an. Die ersten freundlichen Worte: "Eh, Philipp, du Sau! Du hast ja gar keine Schläuche und Sekretflaschen!!" kommen von Carsten. "??!" Ich richte mein verschwommenes Blickfeld unter mein OP-Hemd - tatsächlich! Ein strammer Verband, aber keine Schläuche! Juhuu !!!! Im ersten Tran will ich berichten, was ich in der Anästhesie diesmal alles noch mitbekommen habe. Irgendwann penne ich dann aber wieder ein. Gegen 16:00 Uhr wache ich auf und bin von da an topfit! Eine Schwester misst meine Blutdruck - alles soweit OK. Ich habe einen Tropf, aber keine Schmerzmittel. Es wird immer besser. Schmerzen habe ich kaum, nur ein leichtes Zwicken und einem Muskelkater ähnliches Ziehen. Geschnitten wurde da also - irgendwie. Ich bin gespannt . . . Munter geht (sinnloses) Geplapper mit meinen Zimmerkameraden los. Voll auf Sendung lache ich wieder, erhalte gegen 17:00 Uhr Abendbrot, gehe alleine zur Toilette. Jou, mir geht's echt suuupii. Damit hatte ich total nicht gerechnet. Auch Carsten kann nicht fassen, wie fit ich bereits bin und welch gesunde Gesichtsfarbe ich habe. Ich bin soooooo glücklich - und gespannt auf das Ergebnis: wird es "Liebe auf den ersten Blick sein" . . . *g* ??! Mit üblich ausgelassener Heiterkeit endet der für mich erfolgreich verlaufene Dienstag irgendwann in der Nacht.


Mittwoch, 27.02.2002

6:00 Uhr, die Schwester trägt mir die Verantwortung auf, dafür zu sorgen, dass Carsten wach wird und sich fertig macht. Er ist heute der Erste auf Dr. Kampmanns "Speisekarte". Mit Methode "Decke wegziehen und Klapps auf Po" erfülle ich meinen Auftrag und Carsten macht sich fertig. Um 7:00 Uhr gibt's "die Pille" für Carsten und nach reiflicher Überlegung nimmt er sie gegen 7:25 Uhr. 20 Min. später schläft er. 8:00 Uhr, Carsten wird abgeholt, ich bekomme Blut abgezapft und mein lecker Frühstück serviert. Auch Phillip K. ist wach. Er ist der Nächste auf Kampmanns Liste und auch er macht sich nun "OP- fein". Sein mir mitgeteilter Kaffeedurst lässt mich meinen Frühstücksgenuss ein wenig trüben - aber der Gedanke, am morgigen Tage zu Dritt zu speisen, muntert uns Beide wieder auf.
9:00 Uhr, Visite. 1 Doc und 3 oder 4 Ärztinnen betreten unser Zimmer. Phillip K. wird abgeholt. Dann möchte der Doc bei mir "mal sehen". Ich hebe das T-Shirt an und der Arzt fragt mich nach einem Bolero. "Alles dabei" sage ich. "Dann machen wir den Verband jetzt ab" entscheidet der Mann in weiß. Eine Ärztin erleichtert mit das Sitzen, indem ich ihr meine Hände entgegenstrecke und sie mich aufrecht hält. Links eine Schwester, rechts der Doc. Nach und nach wer-de ich "entmumifiziert". Für das Abknibbeln der quadratischen Pflästerchen lege ich meinen Oberkörper wieder hin. Ich liege da und blicke in 10 Augen, die mein Ergebnis betrachten. "Wollen Sie sich das mal im Spiegel ansehen?"


möchte eine der Ärztinnen wissen. Was `ne Frage . . Der große Augenblick: ich starre in den Spiegel. Ich sage nix. Ich knipse Licht an. Ich sage immer noch nix. Ich mach das Licht wieder aus und gehe zu meinem Bett zurück. Ärzte und Schwester blicken leicht verwirrt hin und her. "Habe ich Ihnen eben weh getan, als ich die Pflästerchen abgemacht habe?" bricht der Arzt das Schweigen. "Nee, nee, ich weiß nur nicht, was ich sagen soll. Das sieht so klasse aus, das habe ich nicht erwartet. Ich finde nicht die richtigen Worte - das ist einfach total super geworden. Ich kann das noch gar nicht glauben . . ." "Ach so, dann ist alles klar" antwortet der Doc erleichtert. "Dann helfen wir Ihnen jetzt noch in den Bolero und dann haben Sie wieder Ruhe vor uns." Während des Ankleidens starre ich auf meinen Brustkorb. "Das sieht so aus wie früher - so vor 15, 16 Jahren" stammle ich. Das Visite-Team freut sich mit mir und wünscht mir alles Gute . . .*g*

9:20 Uhr. Ich liege im Bett. Mir schießen soooo viele Gedanken durch den Kopf. Einfach genial geworden, für immer fertig, alles hinter mir, wie sagt man eigentlich dafür angemessen "Danke" an Dr. Kampmann . . . Ich kann es einfach noch nicht fassen. In der Stille überkommen mich totale Glücksgefühle, ich freue mich auf den Sommer, raus gehen, schwimmen, Wasserski, Fahrrad, . . total geil! Mein größter Wunsch ist in Erfüllung gegangen, dafür hatte ich gekämpft, nur darauf gewartet. Ist ein wenig viel an Gefühlsduselei in dem Moment - aber ich versuche es mir nur klar zu machen. Das Warten hat nun endlich ein Ende.

Kurz vor 11:00 Uhr wird Carsten wieder aufs Zimmer gerollt. Mit Getöse grüßt er mich, die Schwestern stimmen ein und rufen laut "Alaaf". Mir stehen sichtlich dieser Szene sicher Fragezeichen überm Kopf, aber ich schließe mich dem an und winke fröhlich zurück. Carsten schläft schnell wieder ein, wird zwischendurch ein paar mal wach (das gehört in seinen Bericht ;-) ! ) und schläft dann wieder tief. Zwischen 12 - 13 Uhr fährt auch Phillip K. auf dem Zimmer ein. Mit 4 Sekretflaschen, die zwei links jeweils halbvoll - oh je . . .

Kurz nach 13:00 Uhr bekomme ich Besuch: meine liebe Mama! Ich erzähle ihr freudig vom bisherigen Verlauf und sie ist sichtlicht erleichtert über den komplikationslosen Verlauf. Zwischendurch wird auch Carsten wach und die Beiden begrüßen sich. Carsten erhält eine Einladung, mit Ralf doch mal wieder bei ihr reinzufliegen. Dank ihrer Anwesenheit verstrich die Zeit ein wenig schneller, ich bekomme einen großen Obstkorb und begleite sie noch bis zu den Aufzügen. Irgendwann zwischen 15 - 16 Uhr geht die Türe erneut auf. Diesmal betritt der Chefarzt den Raum. Die Ruhe scheint ihm ein wenig unheimlich, aber Dank Narkose völlig legitim. Phillip .K. schläft tief und fest, "Paul" wird durch Erkennung der Stimme kurzzeitig wach. Er unternimmt den Versuch, Dr. Kampmann etwas mitzuteilen, aber sein Mund will nicht so wie er das will. Trotzdem werden seine Worte vom Doc richtig ausgewertet. Währenddessen mache ich mich "oben mal wieder frei", denn auf meine Begrüßungsworte: "Das sieht ja mal total super aus" ist die Antwort natürlich: "Zeigen Sie mal." Ja, seinem Gesicht ist zu entnehmen, dass auch er mit dem zufrieden ist, was er da sieht. Schon will er den Raum unkommentiert wieder verlassen, da bleibt mir auf die Schnelle nix anderes übrig, als ein simples "Vielen, vielen Dank" hinterher zu werfen. Lächelnd nickt unser Operateur, kontert mit einem leicht verlegenem: "Bitte" und ist verschwunden. "Verdammt" denke ich mir - so ein blödes, schwaches "Danke" - das reicht ja hinten und vorne nicht aus. Da muss noch ein anderes Programm aufgefahren werden, bevor wir die Klinik verlassen (und die Leute hier ihre Ruhe wieder haben) . . . .


Auch Fr. Dr. Campari -äh, Tschuldigung - Ebert, besucht uns an diesem Tag. Sie checked meine "Baustelle" und erwartet bereits meine Frage, wann ich denn nach Hause dürfe. Wir einigen uns auf den Freitag, an dem auch Carsten das Hospital verlassen darf (soll??? J). Nur den armen Phillip K. wird es noch länger hier halten. Seine Schwellung muss noch unter ärztlicher Aufsicht bleiben. Ein wenig schlechtes Gewissen habe ich schon, ihn hier alleine zu lassen. War der arme Tropf doch ursprünglich nur auf ein erstes Gespräch mit Dr. Kampmann angereist und auf einen Aufenthalt von ca. 3 Tagen eingestellt . . . aber dafür fand sich auch noch eine Lösung! ;-)
Gegen Abend ist Carsten wieder "entnarkotisiert" und hat Besuch. Zusammen gibt's wie immer das volle Spaß-Menü für alle serviert, incl. Schwestern, anderen Patienten und wer / was sonst zufällig gerade in der Nähe ist. Zu dieser Zeit stehen wir auch der Nachtschwester, "die nette Annette", Rede & Antwort in mancherlei Frage zu "Leuten wie uns". Auch wir erfahren wissenswertes; wie die Schwestern zunächst reagierten, die ersten Begegnungen mit TS- Patienten, wie sich alles entwickelte und Infos aus dem Netz gezogen werden. By the way stellt sich heraus, dass sich sämtliche Mitarbeiter ihr "Basiswissen" auf diesen Seiten (www.identx.de) erlesen haben. Als Schwester Annette "Berichte zur Mastektomie" näher beschreibt, stellen wir fest, dass es sich hierbei um unsere Reportagen handelt. Wir informieren sie, dass wir die Autoren sind und die Überraschung ist perfekt.


Donnerstag, 28.02.2002

Nach gemeinsamem Frühstück relaxen wir noch auf unseren Betten. Phillip K. ist ohne Frage auch einer von "unse-rem Schlag" und ergänzt unsere Runde nur allzu gut. So war doch die linke Seite bei ihm suuuupi angeschwollen, und sein trockener Kommentar dazu kam prompt:
"Hm, dann geh ich eben nur mit einer Seite schwimmen . .. "
Mit ihm zusammen ist es gleich noch mal so angenehm, auf Station zu verweilen!!!!

Es ist gegen 10 Uhr als sich die Türe öffnet und mit den verwundert amüsierten Worten: "Was ist das denn so ruhig hier? Das ist ja völlig ungewöhnlich . . " betritt Cheffe Kampmann unser "Appartment". "Das können wir ändern!" ist unsere Antwort und Carsten aktiviert den Inhalt aus seinem gestern Abend erhaltenem großen Überraschungsei: eine Snoopy- Figur sitzt vor der Glotze, bei leichtem Druck auf das TV- Gerät ertönt die: "Ole, ole, ole, we are the Champions" - Hymne. Schon haben wir die gewohnte Heiterkeitsstufe an diesem Morgen erreicht. Für den unvergesslichen Gesichtsausdruck von Dr. Kampmann hierbei gibt es kaum Beschreibungen. Es vereinen sich zu viele Eigenschaften aus: "Ahh, ja!", "Sind die bescheuert", "Das darf doch nicht wahr sein", "So kenne ich die Jungs" und diversen anderen Gesichtszügen, die ihm in dieser Situation wohl durch den Kopf schießen. Nach anschließender Begutachtungen zieht er amused wieder von Dannen. Carsten und ich beschließen, uns für den coolen Kerl & Fr. "Campari-" Ebert zum Abschied "was auszudenken" . . .
Nach Mittag begegnen wir Zwei Carsten bekannten Leidensgenossen, die es zu Untersuchungszwecken heute hierher verschlagen hat. Schnell entwickeln sich heitere Gesprächsthemen, an denen auch mehr oder weniger freiwillig andere Patienten teilnehmen (müssen).

Zwischendurch werde ich von Fr. Dr. Ebert zur Foto-Session gebeten. Null Pro-blemo, der Frau kann man(n) ja keinen Wunsch abschlagen ;-).
"Paul" und ich tigern gerade über den Flur, als wir beschließen, die "good old" Station 3 B, auf der wir zuvor immer unser Unwesen getrieben hatten, zu besuchen. Sichtlich überrascht und erfreut wechseln auch hier die Schwestern und Pfleger ein paar nette Worte mit uns.

Am Abend des letzten Tages besucht uns wieder Carstens Freund Ralf. Und er hat alles mitgebracht, was Carsten und ich brauchen, um Morgen einen unvergesslichen Abschied hinzulegen . . . Bis in die Nacht schneiden, kleben & basteln wir an unseren einmalig gestalteten "Give-aways":
Die Schwestern der Station 3 B erhalten ein paar Blumen.
"Die flotten Brummer" der Station 8 A erhalten die Ü-Ei-Hymne, der Bildschirm wird mit dem Schriftzug "TEAM Station 8 A" überklebt.
Frau Dr. Ebert kredenzen wir eine Special-Edition Campari-O: eine einfache O-Saft-Packung mutiert zu Blut-Orangensaft, geziert von einem glubschäugigem Taliban-Verschnitt-Turban-Träger, in jeder Hand eine Stichwaffe haltend, aus einer Tageszeitung. Auch Schlagzeilen beinhaltend "psychisch - krankhaft" schmücken die Safthülle. Die Camparieflasche erhält das Etikett "Drainage 2002", sowie diverse Hinweise bezüglich "manchmal muss man etwas genauer hinsehen" . . . .


Zur Höchstform laufen wir beim Kreieren von Dr. Kampmanns Präsent auf: eine große Flasche "Kleiner Feigling" wird zu "Kleiner Kampmann - Ganz groß". Die Rückseite erhält eine BEST-OF-Liste, beginnend mit dem Satz:


"Der Arzt für eine OP, die unter die Haut geht" und es folgen:

BESTER...
- Bodypainter,
- Starphotograph,
- Aufschneider,
- Messerwetzer,
- Plattmacher,
- Brustdrüsengewebsentferner,
- Warzenhofdezimierer,
- Nippelhalbierer,
- Stopfer,
- Entwässerungskoordinator,
- Bruststylist

und viele weitere Bezeichnungen fallen uns bis tief in die Nacht ein und treiben uns größten Teils die Tränen in die Augen. Wir können den morgigen Tag kaum erwarten!

Freitag, 01.03.2002

"Ach ja, wir haben ja was vorbereitet" sind meine ersten Worte an diesem Morgen. Mit einem verheißungsvollem Lächeln treffen sich die Blicke von Carsten und mir. Beim letzten gemeinsamem Frühstück mit Phillip K. geben wir noch einmal Vollgas auf die Lachmuskeln. Und der Phillip hat Dinger drauf . . . liebe Leute, zieht Euch warm an.
ER IST EINER VON UNS!! ;-)

Die Zeit bis zur Erscheinung von unserer Campari -O- Verkörperung Fr. Ebert scheint zu verfliegen. Mit zwei, drei Schwestern fliegt sie in unser Zimmer zur letzten Begutachtung. Sie steht ja eigentlich schon an der Türe, als sie unsicher fragt: "Tschüss oder Auf Wiedersehen?". Darauf haben wir gewartet. Ich muss Carsten leider unsanft in seinem Gespräch mit einer Schwester unterbrechen und die Frage lauter wiederholen. Eine Schwes-ter meint: "Ihr könnt Frau Ebert ja mal ein Bier ausgeben" ist auch direkt ein sehr guter Überleitungssatz.

"Ein Bier haben wir zwar nicht, aber etwas anderes haben wir da schon für Sie vorbereitet..."

...sind die Worte aus Carstens breit grinsendem Mund, als wir die Objekte der Begierde hervorholen.

In meiner Hand Taliban-Metzel-Face auf Blut-O-Saftpackung, Carsten präsentiert "Campari - Drainage 2002".

Das ist offensichtlich etwas zu viel für unsere sonst so toughe junge Dame ( im übrigen werdende Mutter...)! Mit hochrotem Gesicht senkt sie ihr Blickfeld gen Fußboden, lacht uns ein "Vielen, vielen Dank" entgegen. Sofort tritt bei einer Schwester der Mutterschutz in Kraft: "Gib die Flasche her! Das darfst Du in Deinem Zustand doch gar nicht trinken!".
Schwupps, das ist sie wieder, die kleine durchsetzungsfreudige Frau "Campari". Flugs zieht sie die Hand mit der Campari-Flasche nah an sich heran und kontert mit den Worten: "Nix, dat is en ne Kölsch Jung! Der kann dat ver-trachen!!!!"
Dann setzt sie Ihre Rede fort und sagt: "Jetzt muss ich Euch Beide aber mal drücken!!" Vorsichtig jedoch herzlich umarmen wir drei uns. Unsere Körperformen ergänzen sich hierbei nahezu perfekt: der Nachwuchs von Frau Ebert schützt vor zu starkem Druck in Operationsgegend unsererseits . .

*g* Noch immer an einen Feuermelder erinnernd rötlich verlässt Fr. Dr. Ebert mit dem Ärztinnen-Team uns drei Jungs. Wir sind uns einig: das hat funktioniert!!


Hoch motiviert visieren wir das nächste Ziel an: die Schwestern der Station 8 A! Zu dritt geht's Richtung "Schwestern- Kabine". Unsere Opfer im Blick warten wir auf den für uns scheinbar rechten Moment und schlagen zu. Carsten fordert mich zu Worten auf. Also weise ich die beiden Schwestern zunächst auf die vielen Karten, Briefe, Zeichnungen etc. der Danksagungen anderer Patienten auf, die hier waren und deren Zeilen zum Verbleib eine breite Wand gegenüber der "Kabine" zieren. So leite ich in die Aufmerksamkeit über, die wir parat haben. Eine Karte ist eben nicht "typisch" für uns - unser Lautstärkepegel liegt weit darüber. Daher haben wir auch etwas Besonderes für die lieben Schwestern vorbereitet . . Carsten platziert den Ü-Ei-Inhalt direkt vor einer Schwester auf dem Tisch. Die starrt argwöhnisch auf das "unbekannte Ding" vor ihr, verunsichert darüber, was gleich passieren wird. "Auf den Monitor drücken" weist Carsten an. Die zweite Schwester überkommt die Neugier und sie drückt. Aus dem Kunststoff-Spielzeug dröhnt die "Ole, ole ole - we are the Champions"-Hyme. Allgemeine Heiterkeit erfüllt den Raum. Und die Schwestern stimmen zu: ja, das passt zu uns! Ein sehr treffendes Andenken! Snoopy bekommt einen Ehrenplatz und wir kehren ins Zimmer zurück - erst mal. Doch lange hält es uns nicht. Während Phillip K. seinem Nikotin-Drang Abhilfe verleiht, machen wir uns auf den Weg zu Station 3 B. Leider treffen wir hier heute niemand uns bekanntes. Wir teilen der anwesenden Schwester mit, wer wir sind. Dankend nimmt sie die Blumen in der Vase an und wird es an die anderen Mitarbeiter ausrichten.


Wieder zurück im Zimmer stehen wir vor der unlösbaren Aufgabe: Wie kommen wir heute nur an Dr. Kampmann dran?? Wir bauen auf die Leute, die wir hier kennen und setzen eine Kontakt-Hotline in Gang: zunächst begeben wir uns auf Station 1, zu Dr. Kampmanns Büro. Wir geben bekannt, dass wir nach Hause dürfen, uns von ihm verabschieden wollen. Auch versichern wir, ihn nicht von der Arbeit abhalten zu wollen!!! ;-)

Der Deal steht:
sollte der "Gesuchte" hier auftauchen, würde man die Schwestern oben telefonisch benachrichtigen und uns durch sie nach unten beordern. Cooooooooooooool!! Die Mitarbeiter sind echt perfekt!

Grinsend machen wir uns erneut auf den Weg zu Raum 809. Inzwischen hat sich uns Carstens Freund Ralf angeschlossen, der hier ist, um Carsten abzuholen. Wir halten uns gar nicht allzu lange munter bei Laune, da marschiert eine Schwester auf uns zu und befiehlt uns in Dr. Kampmanns Büro!
Zackig geht's zum Aufzug. Da passiert mir ein Fehler: ich drücke auf 3 statt auf 1 . . .
Wir halten auf 3, die Türen öffnen sich, aber wie nicht anders erwartet steigt keiner aus oder ein. Tapfer halte ich die Weiterfahrt mit Ralf und Carsten, die ein merkwürdiger Blick ziert, bis in die 1 aus. Als wir ankommen, teilt man uns mit, "er ist gerade wieder weg".
Irgendwie meine ich Carstens Blick zu entnehmen, bereits meinen Grabstein vor seinem geistigen Auge zu sehen . . .

Carsten sagte daraufhin : "Und das alles nur, weil Du die 3 gedrückt hast!" Klar, war nach alter Gewohnheit - sorry!!

Nach hin und her, was nun, beschließen wir, hier zu warten. Und das soll sich lohnen:
Bekommen wir doch für eine gute halbe Stunde von einem weiterem Freund aus unserer Partie Gesellschaft. Kenneth springt mal kurz rein und wird von uns umgehend mit den wichtigsten News zum Verlauf unserer OP`s gefüttert. Dann muss er leider weiterziehen und wir nehmen Platz. Und warten. Und warten.

Und dann kommt er endlich angeschlurpt. (!!!)

"Ich musste leider wieder weg. Ihr habt mich wohl ganz knapp verpasst" hören wir von ihm. Na endlich stehen wir zusammen da. Unser Meisterwerk halte ich in einem roten Jutebeutel vor neugierigen Blicken geschützt. Wir reden eigentlich nur blödes Zeug daher (also wie immer), informieren "Magic Dr. K" davon, dass wir gerne seinem Wunsch nachkommen, anhand von uns das "Leben danach" auch mal weiter verfolgen zu können, als wir endlich zum Punkt kommen.

"Wir dachten uns, wir müssen uns mit etwas ausgefallenem von Ihnen verabschieden. Verabschieden zumindest für heute!". Während ich die Flasche ausgrabe, tippt Dr. Kampmann auf eine "Drainage - Flasche mit Campari" . "Ne, nicht ganz" blocke ich ab und halte die Flasche mit dem Schriftzug "Kleiner Kampmann" - "Ganz groß" direkt unter seine Nase.
Jaaa, da strahlt einer, wie wenn er zu Weihnachten eine Eisenbahn geschenkt bekommt. Sichtlich erheitert über unser Präsent staunt der "Magic - Män" nicht schlecht. Wir weisen ihn noch auf unsere "Hitliste" auf der Rückseite hin und mit Deutung auf den um die Flasche gewickelten Geduldsfaden sagen wir:

"Auf das Ihr Geduldsfaden niemals reißen möge!"

"Deeeeer reißt nicht" erwidert Dr. Kampmann mit gelassener Stimme.

Noch immer bis über Beide Ohren strahlend betrachtet er sich unser Werk von allen Seiten, überfliegt einige Begriffe der Hitliste, lacht kurze Male auf und sagt, er lese sich das gleich in Ruhe durch. In diesem Moment tritt ein Arzt aus der Glastüre vor seinem Büro. Ich stehe so, dass er direkt auf mich zukommt. Seinen Gesichtsausdruck werde ich wohl nie vergessen:
Zunächst erfasst er die Gesamtsituation und sieht uns drei mit Dr. Kampmann in fröhlicher Runde. Dann geht sein Blick auf die Flasche, und man kann seine Gedankenblitze förmlich auf die Stirn gepresst sehen: "????", "Hat der das von denen bekommen?", "Alkohol?" und natürlich: "Was zum Geier geht hier eigentlich ab?!"

Total genial, keine Filmszene hätte besser umgesetzt werden können! *g* Wahrlich oskarverdächtig! Das ist genau der richtige Moment, um Dr. Kampmann mit seinem Kollegen alleine zu lassen. Mit einem "Vielen Dank noch mal und bis bald" ziehen wir Leine und überlassen das Erklären der Situation unserem Operateur . . .*g*


Jawoll, auch dat hat Bestens gefunzt!!! Megagut gelaunt verabschieden auch wir uns voneinander - es tat echt gut, sich mal wiederzusehen. Der Kontakt MUSS erhalten bleiben. Das, was wir hier gemeinsam erlebt haben, wird uns niemand mehr jemals nehmen können!

Und das wir hier unvergessen bleiben, dafür ist nun endgültig gesorgt.

Alleine kehre ich noch einmal in Zimmer 809 zurück. Es ist gegen 11:00 Uhr und still. Ich sehe mir hier alles genau an. Das, was hier in der letzten Woche gelaufen ist, wird nie wieder kommen - und es wird mir nie wieder einer nehmen können. Ich nehme eine der bisher schönsten Erfahrung aus meinem Leben mit. Versuche immer noch, zu realisieren, dass nun "für immer alles oben weg" ist. Nicht nur für diesen, einen Sommer - nein, die ganzen nächsten Sommer die da noch so in meinem Leben kommen. Diese OP war (und ist) einmalig, war am Anfang meines Weges "das oberste Ziel". Ich bin den Weg hierher alleine gegangen und habe es geschafft. Während meiner "Metamorphose" in den letzten drei Jahren bin ich an dem Punkt angekommen, den Dr. Behrends mir Anfang 1999 so beschrieben hat: " . . . und dann auf dem langen Weg kommt irgendwann der Punkt, an dem Sie selber erkennen `So, das reicht mir. An dieser Stelle ist mein Leben wieder lebenswert`. . ." Ich freue mich auf meinen Sport, Fahrradfahren, Wasserski, den Sommer, nur T-Shirts - jetzt sogar ohne - den heißen Sommer wieder wie als Kind genießen zu können. Reisen werden kein Problem mehr sein - so kann ich mich an jedem Strand zeigen. Meine in der Zeit abgeschlossene Umschulung zum Mediengestalter - bestanden. Nun kann ich mich auf die Suche machen nach einem Beruf, bei dem ich NIE die Hoffnung hatte, das mal lernen zu dürfen.

All das halte ich mir vor Augen - doch so richtig glauben kann ich es immer noch nicht . . .


Philipp H.
surfingphilipp@web.de



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