CSD 2003 Köln aus Hamburger Sicht

Zunächst einmal gilt mein Dank der LAG NRW. Die Organisation des Standes beim CSD hat sicherlich viel Kraft gekostet, verbunden mit Stress und unvorhersehbaren Problemen. Meinerseits ein Lob an alle Mitwirkende.
Aus meiner Sicht erfolgte die gesamte Planung zeitlich korrekt, sodass auch Sanne und ich aus Hamburg die Möglichkeit hatten, schon vorab mit zu wirken. Die Erfahrungen daraus werden uns sicherlich helfen im nächsten Jahr in Hamburg ähnliches auf die Beine zu stellen. So war es uns vorab möglich, 300 Flyer zu erstellen und rechtzeitig der LAG zu kommen zu lassen. Ebenso uns in der Anwesenheitsliste in einen für uns möglichen Termin für den Samstag einzutragen, um auch vor Ort zu informieren.


Sanne und ich fuhren mit unserem Ford Fiesta bereits am Freitag nach Neuss zum Hotel ‚Onkel' (sucht es nicht - das ist meins). Wir brauchten eine Stunde, um überhaupt aus Hamburg raus zu kommen. Rush-Hour und Ferienbeginn, kombiniert mit Baustellen am Hamburger Autobahn-Kreuz Süd machten es möglich. Das war aber auch das einzig Nervende an diesem Wochenende. Für Samstag hatten wir uns vorab Bahnkarten besorgt, um zwischen Neuss und Köln die Bahn zu nutzen. Sehr sinnig, in anbetracht unserer Stadtkenntnisse von Köln und dem zu erwartenden Verkehrchaos.


Wir kamen dann am Samstag 12:30 Uhr in Köln an und schlenderten zur Standnummer 99 / Am Hof. Desi, Gerda und Claudia begrüßten uns noch etwas verhalten, so richtig kannten wir einander ja noch nicht. Wir stellten unseren Rucksack mit den 4,5 l Wasser ab ( wir haben diese wieder mitgenommen, denn es wurde nicht sehr warm ) und sahen uns erst einmal alles an. Wir orientierten uns nach Getränkequellen, denn wenn man schon in Köln ist, muss auch mindestens ein Kölsch getrunken werden. Wir checkten ebenso das Speisenangebot und die anderen Informationsstände.


Zurück an den Stand sahen wir uns die Vorher-Nachher Bilder an, welche etwas später tiefer gehängt wurden, damit die Passanten nicht in Nackenstarre verfallen. Diese Bilder waren ein echt starker Magnet, um auf unseren Stand aufmerksam zu machen. Die Resonanz auf diese Fotos war von Erstaunen, Ungläubigkeit bis hin zum Respekt in den Gesichtern der Passanten zu lesen. Manch weiblicher Betrachter bemerkten Unverständnis, dass eine "so gut aussehende Frau" sich doch zum Negativen entwickelt habe. Sicherlich aus lesbischer Sicht eine verständliche Reaktion, zeigte aber auch die bestehende Unwissenheit. Wichtig empfand ich aber auch, dass zu einigen Bildern die dazugehörigen Personen anwesend waren. Ungläubige Blicke auf die Bilder und noch unfassbarer, wenn die Person dann auch noch vor dem Betrachter stand. So manches Schmunzeln ging uns dabei ab und unsere Aufgeschlossenheit und gute Laune konnte manches mal auf die Interessierten über gehen.





Zu den Fotos lagen zahlreiche Flyer mit umfangreichen Informationen zur Transsexualität aus, ebenso eine Unterschriftenliste "Antidiskriminierung jetzt", in die sich zahlreich eingetragen wurde. Ich konnte einem Arzt Informationen zu bestehenden Selbsthilfegruppen in ganz Deutschland aushändigen, welche er in seiner Praxis auslegen wollte.


h.b.k. aus Dresden und Claudia vom Stammtisch Oberhausen machten darauf aufmerksam, dass Angaben (Kontakt/Homepage) auf den Flyern nicht ganz aktuell sind. Es zeigte, dass Änderungen leider nicht zentral aktuell gehalten werden (können ??)


Manchmal erschütterten mich Fragen, wie:
Wieso willst du eine Frau werden? ( ??? )
Musstest du dich schon immer rasieren?
Bist du ein Zwitter oder so?
Hast du dir Einen annähen lassen? ( die Frage habe ich als zu indiskret zurück gewiesen - es wurde verstanden, glaub ich *grübel*)
Ich habe versucht mit besten Gewissen sachlich aufzuklären, und habe auch Interessierte getroffen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit schon besser informiert waren.
Da kamen auch Fragen wie:
Wie lange dauerte es denn, bis du fertig warst? Auf diese Frage habe ich versucht die Problematiken an zu schneiden und auf einmal hörten mehr als nur Einer zu.
Manchmal stieg in mir das Gefühl hoch, dass man uns als eine Art Alien's sieht und das es, bis wir in der Gesellschaft als Normalität gelten, noch ein weiter Weg sein wird. Da stand mein Entschluss endgültig fest 2004 in Hamburg (mit) zu organisieren.

Der Bedarf an Aufklärung ist dringend.

 

Ab 16 Uhr wurde es immer voller, vor und hinter dem Stand. Es ist schön gewesen, viele bekannte Gesichter wieder zu sehen, zu knuddeln, zu lachen und sich einander persönlich zu unterhalten. Ebenso neue Gesichter zu entdecken und endlich dem Nickname der Mailingliste (Chat) ein Gesicht geben zu können.


Und es sollte noch voller werden. Klaus Wowereit besuchte den Stand der LAG und ein kleines Filmteam, welches an einem Bericht über (mit) transfamily arbeitet. Es war teilweise so voll, dass vor den Stand ausgewichen werden musste und wenn sich dann auch noch ein Rettungsfahrzeug den Weg durch die Menschenmenge bahnte, ging gar nichts mehr.


Nach 6,5 Stunden am Stand und Kölsch bzw. Bowle (weil Sanne trinkt immer noch kein Bier) verabschiedeten wir uns von Allen, die wir (wieder) am Stand getroffen hatten. Unsere Beine waren längst schwer und Schuhgröße 48. Auch wenn es noch so anstrengend gewesen ist, es ist es allemal wert. Wir sind nur froh gewesen, dass es nicht so heiß war, wie vor zwei Jahren, als ich in Motorradkluft ausharrte. Obwohl etwas wärmer hätte es sein können, aber es war wenigstens trocken.


Der Zug brachte uns wieder nach Neuss, und am Sonntag ging es nach dem Frühstück wieder zurück nach Hamburg. Im Gepäck eine ganze Menge Erfahrung, Informationen und Eindrücke.
Gern wären wir auch am Sonntag bei gewesen, aber bis Hamburg sind es ein paar Kilometer, welche preisgünstiger mit Auto sind und daher auch anstrengend.
Unser Dank geht an die LAG NRW, die so toll organisiert hat und wir hoffen auch weiterhin gut zusammen arbeiten zu können. Der Anfang ist gemacht *zwinker*

Meine Erfahrungen:

  • Die Organisation eines solchen Standes bedarf viel Zeit und Zusammenarbeit.
  • Flyer sollten den Aufdruck des Erstelldatums tragen.
  • Der Stand sollte nicht nur besetzt sein, es kommt besser, wenn eine Person steht, da so signalisiert wird, wir wollen informieren.
  • Vorher-Nachher Fotos sind richtig gut
  • Spaß muss sein.

Liebe Grüße
Ben und Sanne aus Hamburg

 


© TransFamily die Seite für Transmänner, Transfrauen, Transgender und deren Angehörige und Freunde